Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 275 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis Denk- und Gliederungsverhältnisse verschiedener Sprachen deutlich unterscheidbar sind. Aber zwei Muttersprachen kann es bei der gleichen Person nach dem Begriff der Muttersprache nicht geben. Das frühzeitige Erlernen einer oder mehrerer Fremdsprachen, besonders in Grenzländern, Streifen- und Randstaaten — vielleicht durch eine Mischals Muttersprache begünstigt — ist von dem einmaligen Sprechenlernen des Kindes scharf zu trennen. Sprechen-Lernen und Sprachen-Lernen sind grundverschiedene Hergänge. Die Muttersprache umfängt den sie Sprechenden als Schicksal ohne sein Zutun: auch Robinson oder Kaspar Hauser können ihm nicht entrinnen. Sprachenlernen ist und bleibt ein Uebersetzen, Sprechenlernen ist das erste bestimmte Erkennen und Denken. Der Wiederanschluß an die alte, nie versunkene oder starr gewordene hebräische Sprache ist eine einzigartige Frage für sich, die auch völlig anders beantwortet werden muß als die Wiederbelebung toter Kultursprachen. Die tote Sprache ist in ihrer Art erstarrt; aber ihre Starrheit ist nicht von der Art des starren Systems einer erfundenen künstlichen Gemeinsprache wie das Esperanto. Die altgriechische oder aramäische Sprache ist immerhin Träger eines einmal erklungenen und voll gelebten Lebens. Als Glieder eines Systems der Sprachverwandtheit leben die klassischen toten Sprachen auf ihre Art, indem sie allein geschichtliche Vergangenheit bezeugen. Ihre Wiederbelebung wäre zum Scheitern verurteilt, weil in ihnen ein gänzlich anderes, für sich seiendes Leben abgeschlossen liegt; ihr unterbrochener geschichtlicher Zusammenhang, ihre historische Kontinuität kann nicht künstlich wiederhergestellt werden. Das Lateinische beispielsweise hat sich im Französischen, Italienischen, Spanischen, Englischen fortgesetzt und lebt gleichzeitig als Kirchensprache ein eigentümlich behütetes und konserviertes Leben für sich. Anders das Hebräische: hier gilt es nicht tote Gebeine mit Sehnen und Fleisch zu umkleiden. Die hebräische Sprache hat in doppelter Weise ein ununterbrochenes, starkes, vielen Aufgaben gewachsenes Leben geführt: im jüdischen Volkskörper seit Verlust der eigenen Staatlichkeit das Leben der Religion, die bis zur Emanzipation mehr als Ritus und Dogma Inhalt der jüdischen Lebensordnung war, und zweitens als lebendige Zwischenverbindung zwischen den Judenheiten der Diaspora in der weltweiten Zerstreuung in den mittelalterlichen Epochen des Ostens und Westens. Das weitere Schicksal der hebräischen Sprache ist dem jüdischen Geist der im alten jüdischen Land Sprechenden anvertraut und vom Schicksal des Landes selbst und seiner Kultur, die sich ja darin ausspricht, untrennbar. Daneben aber bleibt das Hebräisch der Diaspora, bei aller Be- 215