Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 276 (sequence 6)
- Language
- German
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Brief an die Redaktion fruchtung hinüber und herüber, in einer Eigenentwicklung, die, in der Wiedergabe technischer Wendungen zurückbleibend, im Geistigen eines Tages desto bedeutsamer werden könnte. Doch wie dem auch sei: entscheidend für eine Sprache sind zuletzt immer die Menschen, die sich in ihr zum Ausdruck bringen und sie in sich zum Ausdruck durchringen. Haben sie Tiefes, Neues, Bedeutendes zu sagen, so schenkt es ihnen die Sprache, wie sie die Sprache wieder verfeinern und bereichern. Dem geistig Verstummenden aber wäre die herrlichste Sprache unnütz, leer und kalt — wie die Muskeln leben die Sprachen nur, wenn sie bewegt, benutzt, beansprucht werden. Tausende von Juden siedelten in den letzten Jahren in einen ihnen fremden Sprachbereich über. Aber aus Zwang und Plage des Lernens ist vielen von ihnen ein unschätzbarer Gewinn fürs Leben geworden. Sie entdeckten neue Länder, fühlten sich in das Denken und Fühlen anderer Völker ein und wurden so ihrer selbst bewußter. Viele, für welche die hebräische Sprache noch vor wenigen Jahren ein geheimes Grauen war, eine seltsam verdrängte Jugenderinnerung, ein Alpdruck, den man wegwischte, sind inzwischen zu Bewunderern und unablässig still lernenden Kennern der großartigen althebräischen Geschichte und der späteren spannenden jüdischen Verwandlungen geworden. Die Sprache kann also ein großes Mittel werden, uns das Schicksal bejahen, ja lieben zu lernen. Brief an die Redaktion Liebe „Morgen"* Redaktion, Seit langem bin ich Leser der einzigen Zeitschrift, die wir Juden in Deutschland besitzen; seit kürzerem haben Sie ab und zu einen Beitrag von mir gebracht Ich bin völlig unbewandert auf dem Gebiet des Zeitungs- und Zeitschriftenwesens und komme vielleicht daher auf die Frage, woher Sie wohl all die Aufsätze, Gedichte und Glossen bekommen, um derentwillen man den „Morgen" von einem zum nächsten Mal erwartet und die sein Niveau bestimmen. Gewiß, Namen von Rang, Verfasser, die man aus ihren Büchern oder aus anderen Veröffentlichungen kennt, erscheinen auch bei Ihnen. Aber der Laie in mir fragt: woher bekommen Sie druckbares Material von unbekannten, unzünftigen Schreibern? Wenn ich es sagen darf: ich habe das Gefühl, daß Sie, die Leute vom Bau, gar nicht wissen, was für einen Mordsrespekt ein simpler Leser vor allem Gedruckten überhaupt hat! Uns ist 276