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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 274

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis
Date
1938-10-01
Page
274 (sequence 4)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger Gefühlsträger wird. Beim lebendigen Gebrauch einer „fremden" Sprache im religiösen Bereich — die Hauptbeispiele sind das Hebräische und das Kirchenlateinisch — verhält es sich indes ganz anders. Aus dem Lesen und Hören eines alten hebräischen Textes mag einem von selbst der exakte Sinn und der beziehungsreiche Klang in Kopf und Herz strömen, so selbstverständlich fließend, wie wenn das Auge den Zeilen einer muttersprachlichen Schrift entlang eilte oder das Ohr ein vertrautes Lied hörte; und derselbe intime Kenner und Liebende der hebräischen Sprache kann versagen, wenn er hebräisch praktisch sprechen oder hören soll. Wie der katholische Klerus die Gebete und liturgischen Formeln lateinisch spricht und die Kundgebungen der höheren kirchlichen Instanzen in dieser Sprache abgefaßt werden, so war im geschlossenen jüdischen Lebenskreis früherer Zeiten, ohne Anwartschaft auf ein rabbinisches oder lehrmäßiges Amt, die Kenntnis der hebräischen Sprache neben der Muttersprache eine unumgängliche Voraussetzung jüdischen Lebens. Kenntnis der Mutter- und Umgangssprache und Kenntnis der heiligen Sprache trugen und tragen dabei eine total verschiedene Weise des Kennens, dem Hergang und dem Sinne nach, in sich. Die heiligen Worte werden von solchen Kennern ebensowenig als tote Formeln heruntergemurmelt, wie umgekehrt die profane Sprechweise in der Muttersprache von einem höheren Verständnis für Geist und Kultur in der Sprache getragen sein muß. Beidemale, in der lateinischen Kirchensprache wie in jenem Hebräisch, ist im Lernen und Beten die Sprache weder tot noch fremd oder künstlich. Die hebräische Umgangssprache des russisch oder deutsch sprechenden Palästina-Einwanderers trägt dagegen oft krampfhafte Züge des Künstlichen, Starren, ja Fanatischen. In Ländern mit verschiedenen Sprachen, besonders aber in Nationalitätenstaaten mit geschlossenen minderheitlichen Siedlungen ist es häufig zu einer eigenartigen Doppelsprachigkeit einiger Bevölkerungsteile und zum Auseinanderklaffen von Mutter- und Staatssprache gekommen, wobei die lebendige Sprache im religiösen Gebrauch als dritte Sprache eine durchaus nicht untergeordnete Rolle für sich weiterspielen kann. Die gut verstandene und gelernte Fremdsprache dringe im Vergleich zur Muttersprache nicht ins Herz, sagt man gewöhnlich. Der Sachverhalt ist nicht so einfach, wenn man die drei Begriffe Muttersprache — Fremdsprache — Religiöse Sondersprache in ihrem Tiefenausmaß voll erfaßt. Das Problem der Muttersprache, ihrer Einzigkeit und sonst unerreichbaren seelischen Kraft bleibt das Problem der Sprache überhaupt. Auch eine Mischsprache kann — das wissen wir aus der jüdischen Kultur- und Geistesgeschichte — zur Muttersprache werden, ein Idiom also, in welchem die 224

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