Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 273 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis sehe Hebräisch der Bibel und das nachbiblische „Neuhebräisch" (etwa der Mischna) Träger eines wenn auch vergangenen Lebens, noch heute das höchst zeugungskräftige Glied eines System der Sprachenverwandtschaft, einer großen alten Kultur und einer imponierenden geschlossenen Lebensordnung. Das Esperanto-Hebräisch des traditionsabgewan'dten Palästina-Einwanderers teils dagegen mit der künstlichen Gemeinsprache deren Starrheit und Ausdrucksarmut, aus welcher die Erlösung erst durch eine Rückkehr in die Muttersprache kommt, wenn nicht eine bewußte unablässige Weiterbildung und gute Spracherzieher den toten Punkt überwinden helfen. Im Falle des in Palästina hebräisch Sprechenden mit einer nicht-hebräischen Muttersprache wird das innere Wesen der Sprache, die ja viel mehr als ein Instrument der Mitteilung und Mittel der äußeren Verständigung ist, besonders klar. Durch die Sprache, in die wir hineingeboren werden, gliedern wir uns de^ Ueberlieferung einer sprachlichen Verständigungsgemeinschaft stillschweigend und von selbst ein und werden, ob wir wollen oder nicht, zum Mitträger dieser Ueberlieferung. Wir wollen handeln und denken in ihr; wir haben unter den Sprachindividuen unsere Muttersprache nicht gewählt. Aber wenn wir auch mit einer unverbrüchlichen Naturgesetzlichkeit von der Geburt her in einer bestimmten Sprache und damit in einer mit der Sprache unmittelbar gegebenen Weltanschauung denken und sprechen, so bleibt uns doch hier ein hohes Maß der Wahlfreiheit, andere Sprachen später zu erlernen und weit über die bloße Verständigung es bis zum Denken in der neuen Sprache zu bringen. * Eine unmittelbare Erfahrung und schmerzliches Erlebnis von vielen Gebildeten unter uns in diesen Jahren war es, daß sie sich im Lesen einer fremden Sprache mit großer Sicherheit zurechtfanden, während das Sprechen und Hören dahinter zurückblieb und kaum mehr zum Fließen gebracht werden konnte. Andere wieder haben erlebt, daß ihnen nach Herkunft und Neigung die hebräische Sprache der Bibel und des religiösen Gebrauchs im Ohr lag, ja im Lesen und Vorlesen ihre unverminderte Leuchtkraft und die Schallfülle der Vox humana beibehielt, während die praktische Verwendung im Alltag — etwa auf einer Palästinareise — ein Stümpern blieb. Es ist nicht neu, daß die verstandesmäßige Beherrschung einer zweiten Sprache, ja die Fertigkeit, sich spontan darin auszudrücken, an die Vollkommenheit der Muttersprache nicht nur nicht heranreicht, sondern zeitlebens nur äußeres Herrschaftsmittel der Verständigung und klaren Mitteilung bleibt, nie zum Gedanken-, Willens- und 273