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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 272

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis
Date
1938-10-01
Page
272 (sequence 2)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger mittels der Sprache vermögen wir aber auch die naturlichen Schranken der voneinander getrennten Völker oder biologisch unterscheidbaren Menschengruppen durch Verständigung, durch Verstehen zu durchbrechen. Die Sprache ist Schicksal und Aufgabe in einem. Im jüdischen Lebenskreis lag und liegt in der Sprachenfrage ein eigentümliches Erkennungszeichen der jüdischen Besonderheit und Andersartigkeit. Immer wieder werden die Stimmen derjenigen laut die über eine „Fremdheit" in dem lebendigen Hebräisch, das in Palästina gesprochen wird, bitter klagen. Sie meinen damit, das hebräische Wort fordere den hebräischen Gedanken, während die meisten, die sich heute des Hebräischen zum Umgang im Heiligen Land bedienen, ein aus anderen Sprachen übersetztes und dadurch verarmtes, volapükmäßiges Hebräisch sprechen. Bialik selbst hat sich darüber ausführlich und anklagend ausgelassen: „Es ist ein Geschlecht von Ignoranten und Amhaarazim, das wir hier heranwachsen sehen. Sie verstehen Hebräisch zu schwätzen, ,Hedad' zu schreien, hebräische Lieder zu singen und von Erez-Jisrael zu träumen, jedoch die hebräische Sprache kennen sie nicht richtig..... "Dieses junge Geschlecht hat die Grundlage der Sprache aus den Quellen, aus Bibel, Midrasch, Gemara nicht erlernt." Auch andere große Kenner der hebräischen Sprache, z.B. J.Abramowitz (Mendele Mocher Sforim) vermissen den hebräischen Geist in dem Gebrauchshebräisch des Alltags und der Zeitungen. Wir wissen, daß sich hierin durch das still wirkende Beispiel guter Erzieher, die wie Bialik, Mendele und viele andere das Sprachgewissen der hebräisch Sprechenden und Schreibenden geschärft haben, vieles heute gebessert hat. Es ist kein Zweifel: Die Sprachen — besonders das Hebräische — sind durch und durch Geschichte, das heißt Überlieferung. In der echten Sprache, in der man denkt und spricht, in der Muttersprache, weiß der Sprechende selbst sich traditionsunü geschichtsgebunden; von ihr gilt, daß sie „für ihn denkt". Sie denkt für ihn, weil er in ihr denkt. Das Hebräisch einer Generation des Uebergangs und der Doppelsprachigkeit ist aber leider der außerhalb der Geschichte stehenden künstlichen Gemeinsprache, dem Esperanto oder Volapük, in manchem nicht unähnlich. Wie diese Idiome ist jenes Neuhebräisch im Grunde Produkt einer Übersetzung, point d'honneur in Erez-Israel, recht eigentlich jedoch nur sprachliches Verständigungsmittel, hinter welchem die Muttersprachen der Sprechenden, etwa die polnische, jiddische, deutsche Sprache deutlich hörbar sind. So löst sich die paradoxe Erscheinung auf: Als .„tote" Sprache — wie das Lateinische oder Altgriechische — bleibt bei vielen guten hebräischen Philologen und Religiösen unter uns das alte klassi- 222

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