Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 271 (sequence 1)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger: Die Sprache als Schicksal und Aufgabe im jüdischen Lebenskreis i. Daß das Wort als Mittel der Gemeinschaft mehr als der Gedanke, der einsame Geist, die Menschen zueinander führt, ist oft ausgesprochen worden. Das trifft für das Wort in allen Sprachen zu. Denn die Sprache überhaupt und jede besondere Sprache verkörpert eine übernationale, über ihren Geltungsbereich hinausreichende universelle Sinngemeinschaft. Es liegt im Wesen jeder Sprache, daß sie — wenn auch oft unentfaltet — jedem Erlebnis und jeder Verständigung gewachsen ist, in dem Sinn, daß sie auf irgendeine Weise zum Ausdruck jedes Willens, jedes Gedankens, jedes Gefühls, wo es sich regt, befähigt ist und darauf hindrängt. Keiner Sprache, auch der primitivsten nicht, bleibt irgendein Sinn grundsätzlich unausdrückbar. Gegenüber der menschen verbindenden Funktion der Sprache, jener „gewissen Einerleiheit zwischen allen Sprachen", scheint das Trennende der verschiedenen Sprachen zu verblassen, von denen jede nicht nur eine Welt für sich ist, sondern eine eigene Welt in und aus sich erschafft. Doch die Verschiedenheit der Sprachen besteht, und nicht bloß in einer Andersartigkeit der Schälle und Laute, der Grammatik und des Wortschatzes, sondern in einer anderen Art des Sehens und Ordnens der Erfahrungswelt. Die verschiedenen Idiome bilden die natürliche Scheidewand der Völker und Länder. Da indes eine Sprache keine Größe aus der Ordnung der Natur, sondern eine Erscheinungsform des Geistes ist, spricht hier nicht, wie bei der Abstammung und der biologischen Beschaffenheit, eine undurchbrechbare Schicksalsmacht ihr Machtwort. Es gibt einen Wechsel der Sprachgemeinschaft, so beschränkt die freie Wahl des Einzelnen sein mag, sich die Sprache, in welcher man denkt und fühlt, herauszusuchen und sie mit einer anderen zu vertauschen. Sich klar werden über die Grenzen, welche die Muttersprache und das Hineingeborenwerden in eine Sprachgemeinschaft dem Einzelschicksal und dem Volksschicksal setzen, und gleichzeitig eine Vorstellung gewinnen von der Erschließ barkeit der Welt des Geistigen und des Fremdseelischen durch das Instrument der „fremden" Sprache, heißt in der Sprache ein doppeldeutiges Phänomen im Schichtenbau des menschlichen Lebens erkennen: Die Sprache prägt Weltbild und Denkweise einer Gruppe; 271