Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Boden unter den Füßen
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 269 (sequence 5)
- Language
- German
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Boden unter den Füßen mag, sahen nur auf die tägliche Bewahrung, erlebten immer weniger die innere Sinnhaftigkeit der Form und verloren die Fähigkeit, diesen Sinn je und je neu zu erkennen, ihn in der Form durchscheinen zu lassen und nötigenfalls diese Form sinngemäß zu'wandeln; sie standen damit in der Gefahr, von innen her zu erkalten, zu erfrieren, zu versteinern Erst im Zusammenwachsen von Begeisterung und Stetigkeit, von Sinn und Form aber erfüllt sich wahres Judentum wie alle volle Menschlichkeit. Fs konnte nicht ausbleiben, daß ein solches Maß strömender Kraft, der die Auswirkung versagt blieb, sich einen neuen Weg breche. Darin liegt eine Erklärung für die aus der Geschichte des Tudentums sonst nicht verständliche Erscheinung, daß seit Mendelssohns Beisniel eine immer wachsende Zahl von Menschen begann, sich dem europäischen Geistesleben zuzuwenden und darin den Einsatz zu suchen, der ihnen im eigenen Bereich versagt schien. "Auch früher schon hatte es im Judentum Berührung und Austausch mit dem geistigen Gut der Umwelt gegeben, doch — bis auf die alexandrinische Zeit, als ein Philo meinte. Mose an Plato messen zu können — mit dem Unterschied, daß man von «einem ganz bestimmten Standort her auswählte, was in das Geniere der eigenen Art und Geistigkeit paßte und dazu dienen konnte, sie schöpferisch weiter zu entwickeln. Nun aber <raben gerade die führenden Menschen der auf Mendelssohn folgenden Generation sich Europa und der europäischen Lebensform so rückhaltlos hin, wie es nur möglich ist, wenn man kaum mehr Boden unter den Füßen hat. Sie meinten, dieser "Geistigkeit und Wissenschaft nichts Eigenes von gleichem Werte zubringen oder gegenüberstellen zu können, bis zu solchem Grade war ihnen unfühlbar geworden, welcher Ausgleich zwischen Göttlichem und Menschlichem, welch schöpferische Kraft in den Lebensformen des Judentums liegt. Allerdings: trafen sie auf eine Zeit höchster Blüte europäischer Selbstentfaltung. Nie zuvor hatte man eine solche Ausdehnung der Herrschaft des Menschen über die Natur gekannt, nie eine geschichtliche Kenntnis fernster Zeiten besessen, wie die Wissenschaft sie nun errang. Die Juden, die in diesen Bezirk eintraten, hofften und durften hoffen, darin einen angemessenen Raum für ihre Fähigkeiten und innerhalb der fremden Staatsgefüge einen festumschriebenen, rechtlich gesicherten Wirkungskreis zu finden. Sie erwarteten, in der Idee des „Fortschritts", in einer sich 269