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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 268

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Boden unter den Füßen
Date
1938-10-01
Page
268 (sequence 4)
Language
German
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Boden unter jien Füßen jüdisches Selbstbewußtsein sich höchstens auf die Vergangenheit, nicht mehr auf gegenwärtige Leistung stützen, und es wäre von der Umwelt zu viel verlangt gewesen, hätte sie dieses Judentum höher schätzen sollen, als die Juden selbst es taten. In der Folge wurde das Tora- und Talmudstudium, da ihm keine neue praktische Anwendung mehr zugestanden war, immer lebensferner; es entartete in spitzfindige Haarspalterei, in verantwortungsfreien Intellektualismus, in rechthaberisches anstatt lebengestaltendes Denken, in eine Art theologischer Part pour Part-Haltung, in Polen Pilpul genannt. Noch immer wollte die Sehnsucht der Jünglinge die Lehre selber erfassen; doch sie konnten sich nur noch im Spiel des Denkens mit sich selbst erproben, nicht in kraftvoller Bewährung der Ergebnisse am Leben zu Männern werden. In unverstandener Not wandte die Hinwendung zu Gott sich auf sich selbst zurück statt in die Welt hinaus. Eine Gegenbewegung gegen diese Versteifung der Lehre erhob sich im Chassidismus des 18. Jahrhunderts, eine Besinnung darauf, daß all diese minutiös das Leben regelnden Vorschriften doch eigentlich Zeichen des Dienstes an Gott, nicht aber Selbstzweck sind. Indem der prophetische Mahnruf, ohne innere Ergriffenheit und ohne Menschenliebe taugten alle Opfer zu nichts, neu erstand in der Erkenntnis, daß es gilt, aus der Freude des Herzens Gott zu dienen, wurden echte und tiefe religiöse Kräfte frei. Oder vielmehr, solche Kräfte wurden entfesselt; frei nämlich wurden sie damit noch nicht. Denn der Chassidismus ging bis auf die tiefen Quellen der Erneuerung zurück, faßte ihr Ausströmen aber nicht in ein Bett. Die unzerstörbare Richtigkeit des Judentums besteht eben darin, daß der Dienst an Gott in sichtbaren Formen wirklichen Ausdruck findet. Der Chassidismus glühte in subjektiver ekstatischer Begeisterung auf und verschwelte, ohne der Glut im Leben Form und Dauer ^u geben, ohne die Frömmigkeit des Einzelnen ins Gemeinsame münden zu lassen, und wurde damit so einseitig wie seine Gegner, die im bloßen Festhalten an den Formen ihr bestes Teil schon geleistet glaubten. Als „strengen Dienstes tägliche Bewahrung" könnte man die Stellung des alten Judentums zu Gott und zu sich selbst bezeichnen. Der Chassidismus nahm es genau mit dem Sinn, dem Ernst und der Freude strengen Dienstes, drang jedoch nicht bis zur Stetigkeit des täglichen Ablaufs durch. Seine Gegner, die man etwas ungenau „Orthodoxe" nennen 268

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