Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Boden unter den Füßen
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Boden unter den Füßen ausbreitenden Herrschaft des absolut gesehenen Guten aüf der Welt aus ihrer Verlorenheit zu sich selbst zurückzukommen und glaubten darin mittelbar ihren Dienst zu leisten, während diie Formen, in denen die unmittelbare, persönliche und tägliche Hinwendung zu Gott sich ausspricht, nun überflüssig, wenn nicht gar aufgehoben schienen. Hatte der Schulchan Aruch die Wechselbeziehung zwischen. Menschlichem und Göttlichem durch scheinbar endgültige Formen gehemmt, so verlagerte das Judentum der Emanzipationszeit seine Hingabe an ein Höheres in europäische Dichtung, Philosophie und Wissenschaft: Heines Lyrik, Börnes Prosa, Eduard Gans' Rechtsphilosophie und die Struktur von Zunz' „Wissenschaft des Judentums" geben Zeugnis davon, tragen aber zum Teil bereits in sich die Zeichen beginnender Entwurzelung. Die ausgesprochene oder stillschweigende Forderung der Umwelt ging im 19. Jahrhundert dahin, daß der einzelne Jude, um in dem neuen Leben'sraum wirken zu können, erst eine innere und äußere Eingliederung vollziehe, ob sie nun in dem Akt der Taufe bestand oder nur in der Erwartung, daß er „eine bestimmte jüdische Sonderart ablege". An der Tragfähigkeit des erbeigenen Grundes verzweifelnd, spalteten die Juden dieser Zeit sich blind und notgedrungen in einen „rein menschlichen" und in einen nur jüdischen Teil und nahmen den Verzicht auf die Einheit ihrer Seele hin gegen ein undeutliches Anrecht an die europäische Kultur. Die ganze Tiefe eines menschlichen Tuns ist aber nur erreichbar, wenn die volle und ungeteilte Persönlichkeit des Menschen dahinter steht und in sein Werk mit eingeht. Die persönliche Leistung des Einzelnen in seinem Beruf galt nun als seine Privatsache, wurde nicht als jüdische begriffen und wirkte darum auch nicht in das Judentum als Gemeinschaft und auf das Selbstbewußtsein ihres Trägers als Juden zurück. Selten in ihrer Geschichte sind jüdische Menschen ihrem Besten zugleich so treu und untreu gewesen, so geteilt zwischen weiter Entfaltung ihrer menschlichen Persönlichkeit und Verlust an Wurzeltiefe, zwischen reiner Hingabe an den Geist und stockiger Selbstherrlichkeit, zwischen tätiger Menschenliebe und innerem Verlorensein. Sie suchten Gott nur noch in der Welt und vergaßen, daß auch sie in seinem Zeichen lebten, wie alle Geschlechter seit Abraham. Hans Bach Der Schluß dieser Arbeit folgt im Rahmen des nächsten Heftes. 270