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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 267

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Boden unter den Füßen
Date
1938-10-01
Page
267 (sequence 3)
Language
German
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Boden unter den Füßen hervor und brachte endlich zum Stillstand, was zuvor der wichtigste Quell innerer Lebendigkeit im Judentum gewesen war, nämlich die fortwährende persönliche Auseinandersetzung und die fruchtbare Berührung zwischen den Anforderungen der jüdischen Tradition und dem Bedürfnis einer jeden Generation, sie von sich aus neu zu erleben und dieses Erleben in das Erhaltene miteingehen zu lassen. Die Folgen dieser Kodifikation, Festlegung und Erstarrung der lebendigen Lehre und Form des Judentums reichen viel weiter, als man gemeinhin anzunehmen pflegt; sie bestimmen ganz wesentlich noch den Typus des abendländischen Juden der Gegenwart. Wer heute an die Ueberlieferung des Judentums anknüpfen will, wird sehr rasch auf die Autorität des Schulchan Aruch stoßen. Je nach seiner persönlichen Art wird er achselzuckend zur Kenntnis nehmen, daß er damit nichts anfangen könne, und das Bemühen um Klärung und Realisierung seines Anteils am Gemeinsamen des Judentums aufgeben, oder aber, schweren Gewissens, den seit jenem Werk immer größer gewordenen Abstand zwischen Leben und Lehre als noch ungelöste Forderung und offene Wunde am Körper des Judentums zu tragen versuchen. In der Auseinandersetzung also zwischen dem dauernden Kern der Lehre und ihrer sich wandelnden zeitlichen Erscheinungsform, man möchte fast sagen der jeweiligen Ideologie einer Epoche, lag für die Judenheit bis ins 16. Jahrhundert der Kern dessen, was männliche Denkenergie und geistiges Vermögen an innersten eigenen Kräften und Werten und also von Gott auszusagen vermochten und als Wirklichkeit in die Welt stellten: man braucht nur an Schöpfungen wie den Talmud, Raschis Bibelkommentar und Jehuda Halevis „Kusari" zu denken. Aus solcher Leistung erwuchs jedem Geschlecht ein echtes Bewußtsein der eigenen Kraft des Judentums, das auch schwere Zeiten ohne Überhebung oder Verzweiflung bestehen und überwinden half. Und dem entsprach auch das Verhalten der Umwelt. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch hatten Luther für seine Bibelübersetzung, Reuchlin am Talmud, Agrippa von Nettesheim an der Kabbala mit tiefer Achtung aus dem Erkenntnisgut der Juden geschöpft. Doch wenn nun ein für allemal ausgesprochen schien, welchen Vorschriften man entsprechen müsse, um als vollwertiger Jude zu leben, wenn demnach auf dem hauptsächlichen Felde des Dienstes um Gottes Auswirkung in die Welt, an der täglichen Bewährung der Lehre angesichts der Wirklichkeit, nichts Neues mehr zu bewirken möglich schien, so konnte 267

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