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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 266

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Boden unter den Füßen
Date
1938-10-01
Page
266 (sequence 2)
Language
German
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Boden unter den Füßen Erst die unvoreingenommene und positive Frage nach den Gründen des eigenen Tuns kann richtig und fruchtbar werden. Tatsächlich liegt in unserem Verhalten gegen Gott der eigentliche Grund unseres Geschicks in der Welt Denn das Verhalten des Menschen oder einer Gemeinschaft gegen Gott ist zugleich ein Ausdruck der Stellung zu dem Eigentlichen, Innersten und Tiefsten in ihnen selbst, und wie dieses Selbst sich der Außenwelt darstellt, das bestimmt auch, absichtlich oder unabsichtlich, deren Verhalten. Wie haben wir Juden uns nun, auf einen längeren Zeitraum hin gesehen, zu Gott gestellt, und damit zu dem göttlichen Teil unseres Selbst? Zu Anfang der gegenwärtigen Epoche des Judentums, gegen Ende des 16. Jahrhunderts, hat Josef Karo in mystischer Versenkung den Plan gefaßt und durchgeführt, zur Verherrlichung Gottes zusammenzustellen, was an Vorschriften und Geboten ursprünglich vorhanden und in den Zeiten tiefster Askese hinzugekommen war. Das so entstandene Werk heißt Schulchan Aruch, der Gedeckte Tisch. Es gibt Hinweise für jeden Handgriff eines gläubigen Juden bei Tag und Nacht, war als eine äußerste Spitzenleistung der Frömmigkeit gedacht, keineswegs als normative Festlegung des durchschnittlichen Tageslaufs, — schon im Titel scheint ja zu liegen, daß zwar jeder an den Schüsseln und Platten sich ersättigen könne, doch aber nicht immer von allen kosten müsse. Als, fünfhundert Jahre vor Karo, Maimonides in seiner „Mischle Tora" („Wiederholung des Gesetzes") eine ähnliche Feststellung der geltenden Lehre unternahm, widersprach eine ganze Schule jüdischer Gelehrter in Frankreich einem solchen Unternehmen so leidenschaftlich, daß das Werk des Maimonides lange ohne volle Wirkung und, etwa in Polen, durch Jahrhunderte hin verboten blieb. Der Schulchan Aruch nun fand keinen so grundsätzlichen Widerstand mehr. Vielmehr wurde sein Inhalt, mit geringfügigen Abänderungen, als Ganzes für verbindlich erklärt und damit eine Anforderung, die den äußersten denkbaren Umfang jüdischer Frömmigkeit umgrenzen wollte, als Durchschnittsforderung für den Alltag verkannt. Indem nun allen Vorschriften eine gleichmäßige Wichtigkeit und Autorität zugeschrieben wurde, überspannte man einmal das Maß dessen, was von menschlicher Bereitschaft zum Dienst an Gott natürlicherweise verlangt werden kann, rief ferner bei denen, die nicht allen diesen Vorschriften nachzukommen vermochten, ein mißverstandenes Gefühl von Schuld, Lässigkeit oder Unzulänglichkeit 266

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