Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Boden unter den Füßen
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 265 (sequence 1)
- Language
- German
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DER MORGEN / Monatsschrift der juden in Deutschland BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLD STEIN, DARMSTADT 14. JAHRGANG OKTOBER 1938 HEFT 7 Boden unter den Füßen Wenn im Mittelalter über die Juden eines Landes Verfolgungen, Austreibungen oder Seuchen kamen, sagten sie: „Um unserer Sünden willen hat Gott das über uns verhängt." Daraus folgte unmittelbar die Frage, welch eigener Fehler gegen Gott oder Menschen oder sich selbst man sich bewußt war oder werden konnte, und die weitere, •wie diese Fehler wieder gutzumachen und für die Zukunft zu vermeiden seien. Heute ist das anders geworden. Für die politischen Ereignisse der Gegenwart suchen wir Juden den Grund in allen möglichen Menschen und Zuständen, viel weniger bei uns selbst, am allerwenigsten in unserem Verhalten gegen Gott. Und doch liegt darin, wenn man der Gefahr entgeht, die Motive der Umwelt für ihr Verhalten nicht genau genug zu sehen, nach wie vor der Schlüssel zum Verstehen des Geschicks und damit zu einer Änderung und Besserung dessen, was in der eigenen Haltung unfrei, unrichtig, verbesserungsfähig und änderungsbedürftig war und bleibt. Berechtigt am Standpunkt der Gegenwart gegenüber -dem des Mittelalters ist die Ablehnung des moralisch belastenden Vorurteils, das mit in dem Begriff „Sünde" liegt Schreibt man jedoch sein Schicksal dem Eingreifen des sehenden Gottes zu, so kann man aus dem Bemühen, •es zu begreifen, Vertrauen und Einsicht gewinnen; macht man, wie es heute vielfach geschieht, ein „blindes Schicksal" dafür verantwortlich, so führt das leicht zu träger Verantwortungslosigkeit, zu unterdrückter Wut und dumpfer Auflehnung, jedenfalls aber nicht zu freierem Sehen-. 265