Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Neue Funde in Palästina
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 255 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Cohn: Neue Funde in Palästina nicht genannt wird. Unzweifelhaft aber war dort im zweiten Jahrhundert ein bedeutender Knotenpunkt und ein kulturelles Zentrum, das sich schon gegen Ende der Zeit des zweiten Tempels entfaltet hatte. Es ist zu erwarten, daß die in den Ruinen aufgefundenen Inschriften mancherlei Aufschlüsse über die Einwohnerschaft der Siedlung geben werden, über ihren gesellschaftlichen Aufbau, ihre Berufe, ihre geistige Lage. Die Tatsache, daß von etwa 200 gefundenen Inschriften etwa zwei Drittel griechisch, der Rest hebräisch, palmyrenisch und in andern Sprachen abgefaßt ist, weist auf die Herkunft der dort Bestatteten hin. Wenn auch feststeht, daß viele von fernher zur Beisetzung nach dieser großen Grabanlage überführt worden sind, so gehörte doch ein stattlicher Teil zur Einwohnerschaft von Bet Schearim selbst. Einzelne Namentafeln bezeichnen die Verstorbenen als „Männer der Gemeinde" und weisen damit auf ein organisiertes Gemeindeleben hin. Körperschaften der Gemeinde dürfte auch die Aufsicht über den Ausbau von Grabkammern für Familien oder von Grabstätten für Einzelne, ihre Bewachung sowie die Pflege ihrer architektonischen Gestaltung obgelegen haben. Eingehendere Kenntnis über diese Fragen soll erst die epigraphische Durcharbeitung des Materials vermitteln. So werden durch die Entdeckung der Katakombe von Sheik Ibrek in das Bild einer jüdischen Gemeinde im Zeitalter des Jehuda Hanasi mancherlei Einzelzüge eingezeichnet werden können. Ungemein wertvoll wird aber vor allem die Bereicherung sein, die unser Wissen über die kulturellen Verhältnisse dieser Zeit überhaupt erfahren wird. Die Katakombe von Sheik Ibrek ist als Beispiel einer Gemeinschafts- Grabanlage die erste ihrer Art, die in Palästina bloßgelegt worden ist. Wir kannten solche aus etwa der gleichen Zeit bisher nur in Italien. In und bei Rom sind mehrere unter der Erde eingerichtete Friedhöfe der jüdischen Gemeinden durchforscht worden. Man wußte, daß diese Bestattungsform von den Juden nicht etwa erst in Italien aufgenommen, sondern als eine aus der palästinensischen Heimat altgewohnte nur weiter gepflegt worden ist. Es waren aber in Palästina fast nur Familiengräber gefunden worden, wohin auch Anlagen wie die Königsgräber zu rechnen sind. Mit weitgehender Wahrscheinlichkeit war vermutet worden, daß gleichartige, unterirdische Gemeindegrabstätten in Palästina die Vorbilder für jene waren, die nicht nur in Rom, sondern bis in das südliche Italien hinein, aber auch auf Sizilien, in Kleinasien (Palmyra) und sonst gefunden worden sind. Die Katakombe von Bet Schearim zeigt uns nun, wie eine allgemeine Begräbnisstätte in Palästina aussah. Nach der anderwärts beobachteten Entwicklung könnte ihr Ursprung in dem für Rabbi Jehuda bestimmten Familiengrab gesehen werden, an das dann, hervorgerufen durch die ungewöhnliche Verehrung des Patriarchen, andere Familien ihre Ruhestätten anlehnten, bis das Netz für immer weitere Kreise ausgebaut wurde. In zweijähriger Arbeit wurden nicht weniger als zehn Gänge offengelegt. Die erste Abteilung der Gesamtanlage umfaßt sechzehn Hallen, in der Mehrzahl in Stockwerken übereinander an beiden Seiten eines langen Ganges. Jede einzelne Kalle enthält zwei bis neun Kammern; um Platz für weitere Gräber zu schaffen, wurden die Kammern immer 255