Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Der Am Haarez
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 250 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauss Judentums", das nach Bubers Erhellung als der innerste Kern des Judentums in den Jahrhunderten der Galut sich offenbart hat Neben der Halacha stand von altersher die Aggada, aber nicht nur — Bialik hat es in unvergeßlichen Worten gezeigt — wie neben „der Ordnung der Strenge die Ordnung des Erbarmens", nicht nur wie neben der grauen Prosa die buntfarbige Dichtung. Nein — in Wahrheit wie „zwei Gesichter eines Wesens", wie die Frucht und die Blüte, keines von ihnen ohne das andere zu denken. Freilich birgt auch die Halacha manches Bild aus dem Leben des Am Haarez, wie sie denn überhaupt das Volk bei der täglichen Arbeit zeigt, im Felde und im Garten, im Weinberg und auf der Tenne, den Priester, der den Rundgang bei den Feldern macht, und die Armen, die zuletzt gehen, Nachlese halten und den Mantel über ihre „Ecke" breiten, um ein Anrecht auf sie zu erwerben. Aber der eigentliche Anwalt des Am Haarez ist der Meister der Aggada: der Mann des Gefühls gegenüber dem Manne des Verstandes, der in der Parabel, in der Legende, im Gleichnis sein gutes Recht erweist, neben jenem zu stehen. Er läßt mit überraschender Kühnheit die Zweifel laut werden, die wohl mancher Am Haarez vor dem gewaltigen Turmbau der Gesetze geäußert haben mag. Da kommt die Witwe in der Wüste zu Mosche und will mit den Knaben ihr Feld bebauen, und Mosche verbietet ihr beim Pflügen die ungleichen Zugtiere, beim Säen den verschiedenartigen Samen, beim Ernten die Nachlese und holt den doppelten Zehnten aus ihrer ärmlichen Scheuer für die Leviten. Daß diese Kritik dem „Spötter" Korach in den Mund gelegt wird, verhüllt nur leicht die Meinung des Aggadisten, der wohl weitverbreitete Klagen des Landvolks seiner Zeit wiedergab. Noch deutlicher wird die Stellung der Aggada zum gemeinen Mann in einigen häufig wiederkehrenden Legenden-Motiven, die in den verschiedensten Einkleidungen dieselbe Moral enthalten. Da ist das Motiv von der Rettung aus einer Notlage durch einen vorher völlig Unbekannten, einen Am Haarez, etwa den unbekannten Eseltreiber, dessen Verdienst allein es ist, daß Gott dem verschmachtenden Lande wieder Regen schickt. Daneben stehen die Geschichten von dem Rabbi, der seinen künftigen Nachbarn im Gan Eden sehen will und zu seiner Überraschung zu einem unscheinbaren Manne geführt wird, der ein niederes und verachtetes Gewerbe treibt, etwa einem Schlächter, einem Händler mit unreinen Tieren, einem Gefangenenwärter. Aber stets zeigt sich, daß der Verachtete und Ungelehrte zu diesem Ehrenplatz gelangt ist einer Liebestat zuliebe, die alle Gelehrsamkeit des Gelehrten aufwog. Leitspruch aller dieser Legenden bleibt stets: Nicht auf das Forschen, auf das Tun kommt es an. Das Volk steht, wie es danach scheint, auf Seiten des Mannes der Tat gegen den Mann des Gedankens. 250