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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 249

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
Der Am Haarez
Date
1938-09-01
Page
249 (sequence 4)
Language
German
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Der Am Haarez setze des Zehntens. Aus der bekannten Definiton des Am Haarez im Talmudabschnitt Berachot ergibt sich freilich, daß dieser eBgriff bei den einzelnen Lehrern selbst damals noch durchaus nicht feststand. Während die einen strenge Beobachtung der Reinheits- und Zehntengesetze als Merkmal des Chawer aufstellen, sehen die andern als Am Haarez den an, der keine Mesusa an der Tür hat, morgens und abends nicht das Sch'ma sagt und seine Kinder nicht in der Lehre unterrichtet. Wenn wir nach diesen Diskussionen das Bild des Am Haarez in dieser Zeit uns vergegenwärtigen wollen, so ist es doch wieder unser Freund aus dem Richterbuch, der Dörfler, der von Gelehrsamkeit nicht viel wissen will, aber treu nach den Geboten lebt, so weit seine Kenntnis davon es ihm ermöglicht. In Galiläa kommt vielleicht ein neuer Streitpunkt hinzu: das Landvolk, gewohnt gute Nachbarschaft mit dem nachbarlichen Anlieger zu halten, läßt sich die strenge Abgrenzung des Verkehrs nicht gefallen und wird wohl deshalb gelegentlich als „Feind der Tora" bezeichnet. Gegenüber diesen harten Urteilen über den Ungelehrten aber scheint bald eine mildere Anschauung sich durchgesetzt, oder vielmehr die alte Wertschätzung des Bauern und des Handwerkers, wie wir sie in der Bibel durchweg finden, sich wieder Bahn gebrochen zu haben. Wer die Kinder des Am Haarez in der Lehre unterweist, der hat sich das ewige Leben verdient, heißt es; und selbst von den Amme Haarez wird gesagt, daß gerade sie, wie die Schale den Kern der Nuß umhüllt, den Fortbestand der Tora verbürgten. Solche Äußerungen der Schule Hilleis scheinen jedoch nicht durchgedrungen zu sein: der Gegensatz zwischen den Schriftgelehrten und dem Landvolk begünstigte damals jene große Volksbewegung der Fischer und Zöllner, die dem alten Glauben viele seiner treuesten Söhne entfremdete. * „Im Volke Israel gibt es vier verschiedene Arten von Menschen: die einen können sowohl Wissen wie gute Taten aufweisen, die andern Wissen, aber keine guten Taten; die dritten gute Taten, aber kein Wissen, und die vierten keines von Beiden. Gott der Herr aber will keinen von ihnen verderben: er fügt sie alle zu einem Bunde zusammen — und der eine wird für den andern Sühne erwerben." In dieser talmudischen Zusammenfassung des ewigen Volkes scheint auch der Am Haarez einbegriffen zu sein: der Mann der Tat, dem es an Wissen fehlt... Und nun ergibt sich die merkwürdige Entwicklung, daß gerade in der scheinbar vorwiegend vernunftgemäßen Weiterbildung des jüdischen Gedankengutes dieser Mann der Tat, der Mann des Gefühls eine Rechtfertigung durch den Volksgeist und durch die Geschichte erlebt: er wird zum Träger jenes „unterirdischen 249

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