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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 245

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
Die Laute
Date
1938-09-01
Page
245 (sequence 8)
Language
German
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Die Laute das Kuhgeläute zu uns her... Wie nah die schweren grünen Wälder drüben und die glatten Almenwiesen! Wenn man vom' Oberdorf hinüberschaut, taucht eine Burgruine aus dem Buchengrün, — ein Stück Verfall, wie als Wächter gesetzt über die lichte Landschaft und den jugendlichen Binnensee. — Die Laute lag im Gartenschuppen, fest in ihre Wachstuchhülle eingepackt, neben allerlei Gerät, — Hacke, Rechen, Spaten und Sichel. Wir haben sie auch hier nicht mehr aus ihrer Verkapselung geschält^ in der wir sie mit uns nahmen in diesen Abschiedssommer. Sag doch, warum schleppten wir sie noch mit her? O Laute, lieber und verstummter Liedermund, solang' du uns noch, wenn auch tonlos, bliebst, blieb auch Verlorenes noch gegenwärtig. Und jetzt war alles Gegenwart für uns, lockend, traumhaft, sommerlich. Schwimmen, kühle klare Feuchte um die Glieder, blinkendes Wasser den Strom hinab. Schwalbenschüsse pfeilschnell überm See, Möwentänze, bogig durch die Luft; und schwebend, königlich gespreizt und drohend, der Jagdflug eines dunklen Gabelweihs. So schön, tief schön! Ach, komm du, — reiß die Laute aus dem Schuppen! Laß alles wieder werden, wie es war! — Aber die Hand, die dämpfende, lag unverrückbar schwer auf uns. Wir spürten ihre Last wohl kaum mehr ganz: nur etwa wenn uns das Gekreisch des Schlachtviehs aus dem Metzgerhaus jenseits der Dorfstraße grell und grausam entgegenfuhr, fühlten wir im Hilferuf der Kreatur auch das Eigne schmerzlich Stimme werden. Ach, wir wollten nicht mehr an uns selbst gemahnt sein! Dann, am Abend des Schewuotfestes im frühen Juni, riß uns Erschütterung aus Traum und Flucht, eine weckende und zwingende Erschütterung des Wissens, daß jeder unsrer Tage hier einer höhern Zählung unterliege... Im Dorf stand, von gespitzten Pappeln überschattet, das Gotteshaus der Judenschaft vom See. Früher mochten an den Feiertagen nicht gar zu viele Sitze auf den Bänken frei gewesen sein: an jenem Abend hatten dreizehn Männer sich zum Gebet versammelt und vier Frauen nebst einem Kind — Überreste der weitzerstobenen Judengemeinde aus den Dörfern umher. Chasan war der Arzt der Gegend, Prediger der letzte Gutsbesitzer dort. Zu Mitsommer kam die Trennung, Freund; beschlossen war's schon lange vordem, daß du, gleich vom See fort, mir voraus ins Ungewisse solltest, — niemand fragte danach, ob's uns leicht fiel oder schwer. Eines Morgens sah ich Wasser, Wald und Himmelsblau verschwimmen wie durch Quellen nicht geweinter Traurigkeit; das ist alles, was ich klar von unsrem Abschied weiß. Wir trennten uns. Du reistest, vorwärtsschauend, außer Landes; ich, wie in der Schwebe, reiste quer durchs Land zurück in die Verlassenheit des Wartens und Verharrens. Sonderbare Zwischenwelt, in der man hilflos sich selbst überdauert. Vielleicht war es 245

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