Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Die Laute
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 244 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mala Laaser der Großstadt leben, hängt sie an einem dicken Nagel an der Wand in unserem Zimmer. Zum Wochenende wird sie abgestaubt und verstohlen ein wenig gezupft; das ist schließlich noch Gewohnheit, Rest eines jugendfrohen Wanderlebens. Aber niemals stimmen wir sie wieder, und niemals wieder nehmen wir sie mit ins Freie. Die Zeit legt dämpfend die Hand auf ihre Saiten, und „wie lange noch?" würgt uns die Lieder in der Kehle ab. Sonntag abends, bei der Heimkehr, überfällt uns eine unheimliche Fröhlichkeit, halb Traum, halb Erinnerung ... schweigend hängt die Laute an der Wand; nur die seidenen Bänder knittern sacht, wenn wir nah daran vorüberstreichen. Die ersten Risse brechen in den bunten Stoff. Mit der Zeit wird alles brüchig... * Einmal, in vergangener Zeit, begegnete uns ein junger Bergsteiger, der unlängst auf wunderbare Weise vom Tode des Erfrierens aus einem Schneesturm im Hochgebirge gerettet worden war. Es seien, sagte er versonnen, die schönsten Stunden seines Lebens gewesen, die er, eingeschlossen in der weißen Kälte und dem Hinüberschwihden ausgeliefert, zwischen Grauen und Hoffnung habe verbringen müssen: niemals vorher seien lieblichere Träume tröstend über seine Not gesunken; es hätten sich die Tore ins Vergessen gnädig aufgetan, und der Atem eines fremden Landes schon habe süß das Wirkliche verdrängt. Ja, es gebe sie, die rätselhafte Traumwehsüße der letzten Stunde zwischen ausgelebtem Leben und dem dunklen Wirbelsturm des Kommenden... Ein solch verträumtes Hingenommensein in die Herrlichkeit der letzten Stunde ward der Sommer, Freund, vor deinem Aufbruch. All das ist mir so nah geblieben, daß ich's ohne Schmerz nicht werde sagen können; und weil noch Schmerz den Sinn verzerrt, wird der Rahmen des Zusammenhangs vielleicht gesprengt, den ich um diesen — Abschiedsbrief zu legen suchte ... trag mir's nicht nach! Auch wenn man sprunghaft rasch die Saiten rührt, eh' sie zerspringen und verstummen, tönt der volle Urlaut des Erinnerns auf, — und was anders will ich mit dieser Niederschrift, als aüfgeschmolzne Zeiten bleibend fest in geschriebene Worte gießen? * Im Garten standen Rosen an den Büschen, rote, hingetupft wie klares Blut, und zarte rosafarbene Heckenröschen. Wenn wir abends am Alkovenfenster lehnten, stieg ein Strahl von Duft zu uns empor aus den hohen Birken und dem blütenüberklatschten Holunderbaum, aus frischgemähtem Gras und aus den Weiden, die ihr gesträhltes Grünhaar fließend über den Staketenzaun am Ufer hängen ließen. Die blauen wolkenlosen Tage ... Bienenorgeln im Gebüsch,, und vom südlichen Ufer überm See schellt 244