Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Die Laute
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 243 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Laute Kollegheft unterm Arm. Kein säuberlich geschriebener Stundenplan deiner Vorlesungen hängt jemals wieder über meinem Schreibtisch an der Wand — ja, Gott weiß, ob ich noch einmal im Leben an meinem eignen Schreibtisch werde sitzen dürfen. Und niemals wieder wird es sein, daß ich im Wandelgang der alma mater, gegen die siebzehnte Säule von links gelehnt und gedeckt vom Schatten des Hauptportals, auf dich, den Kandidaten juris, warte. Längst liegt unsre Kindheitsstadt eine Tagereise weit von uns, und eine Tagereise weit von uns liegen unsere Jugend, unser Gleichmut, unsere Gräber. Jetzt hausen wir im Großstadthäusermeer vergraben. Wir haben irgendwo im Hinterhaus ein Zimmer miteinander, am Tag stehst du in einer Werkstatt, und ich koche in fremder Leute Küche Kaffee, Mittagbrot und Abendessen. Es liegt auch Freizeit zwischenein; aber die ist ausgefüllt: we are to learn the language of ä foreign country, which lies near the „Never — come — back — here!" — Noch sind wir aber hier,, mein Junge, und am Wochenende haben wir es manchmal doch noch wie früher: Sonnenschein und See. Auch Unbekümmertheit? Um 5 Uhr morgens steigt man aus dem Bett, packt sein Zeug zusammen, Brot und Badekleidung, und trappelt halbverschlafen die Treppe hinunter zum nächsten Stadtbahnhof; Milchmann und Zeitungsfrau sind um diese Zeit schon unterwegs. Die Straßen liegen still und übersonnt, — am Sonntagmorgen geht kein Schritt in Hupenlärm und Klingelei verloren. Früh ist auch der Zug noch menschenleer und schlängelt sich geschwind voran... Vom Bahnhof führt eine derbgepflasterte Chaussee ins Freie; wo der Wald beginnt, reißt sie plötzlich ab. Kiefern ragen mager aus dem Sand, hochkronige Masten; drüber hängt das blaue Himmelstuch, wolkenlos und dunstig an den Rändern; und zwischen den gereckten Borkenstämmen blinken Gras und Sand und das helle Morgenangesicht des Sees. Im Osten zeichnen sich Schatten längs dem Horizont, das sind die Fahnen der großen Stadt — Schlotenrauch und Staub der Straßen. Wie tief wir zwei im Wald versinken und wie blitzend uns das Wasser auch entgegenzwinkert: nie können wir ganz die Stadt vergessen, in der unser Schicksal sich entfaltet; ihre Schlotenfahnen mahnen unsre Augen, und der ferne Anschlag der Ringbahnzüge, Takt um Takt im gleichen Zeitmaß, hämmert mild in unsre Ohren, eindringlich und unerbittlich dauernd wie das Verhängnis selber. „Wie lange noch?", steht rauchig überm See geschrieben. „Wie lange noch?", fragen Bäume, Gras und Wind. „Wie lange noch?" — die Frage fragt nicht nur nach diesem Tag. Das heißt nicht: „Wann ist Abend?" sondern: „Wann gehen wir auf unsre größte Fahrt?" — „Und die Laute?" hör ich euch fragen. Nun, — natürlich ist die noch am Leben; aber ob sie ihre Stimme noch hat, kann ich nicht sagen. Seit wir in 243