Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Die Laute
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 239 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Laute Stöpsel angeschafft, mit Perlmutterscheiben auf den Knöpfen, als die hellen beinernen zerspalten waren! Die Saiten hängen lasch. Es wäre eine kleine Mühe, sie für diese Stunde noch einmal zu spannen. Aber es ist gleichermaßen schön, ziellos über den verstimmten Bund zu streichen und dem Gewesenen nachzuhorchen ... Noch einmal, Laute, wandern wir mit dir durchs Land; aber unsere Lieder quellen nicht wie damals, flattern nicht mehr himmelaufwärts den Störchen zu. Wir werden dieses Land nun nicht mehr sehen ... Aber nicht, was wir besaßen, ist das Maß für diesen Abschied, sondern was im Kommenden verborgen liegt. Wir wandern noch ein letztes Mal, wie durch Träume, die im Morgen münden. An den Grenzen stehen schon die Tore offen für unsern Auszug. Doch ruhig will ich reden, ohne zerfließenden Überschwang. Wenn man erst begriffen hat, daß die Geschichte von der Laute nicht schmerzlicher, nicht schicksalsschwerer und fürs Ganze nicht bedeutungsvoller ist als jede andere, die Wesen und Dinge durchleben müssen, so verliert das Hingeschwundene der unsrigen an Gewalt und Wichtigkeit. Und indem wir das erkennen, trennen wir behutsam die Erinnerungen vom Aufbruchsleid der Stunde und schmecken zum letztenmal das uns Entgleitende. Wehmut und Gelassenheit, die zum Segnen hingereckten Hände der Weisheit mögen über uns gebreitet bleiben in solcher Stunde. So geschützt und gegürtet mit dem Waffengurt der eigenen Kräfte wollen wir rückblickend reden, von der Laute... und von den Seen ... ... Da lagen wir nun auf alten tiefverstaubten Strohsäcken; es war Nacht, eine junge Juninacht. Der Mond hing aufgeblasen überm Oberland und lugte durch die abgestumpften Fenster zu uns zweien ins Dorfschulhaus herein. Wir schliefen fest nach langem Tagesmarsch; zwar geigten die Grillen, und fern aus dem Sumpfwald riefen Kauz und Kuckuck um die Wette — aber wir, schwer und steif auf unseren Säcken, wachten nicht auf davon. Auch die greisen Flöhe in der zerlegenen Strohfüllung trieben uns mit ihren unzähligen bedachtsamen Stichen den Schlaf nicht aus den Gliedern. Erst als vom Strande her ein Nachthauch über die Wiesen durchs Dorf heranschauerte und die offnen Fenster im Schulhaus sacht zu klappern begannen, so daß die Tintennäpfe auf den Brettern eins nach dem andern lautlos umgeworfen wurden, tauchten wir blinzelnd und schweratmend vor Müdigkeit aus dem Schlaf empor; denn wir lagen mit den Köpfen unterm Fensterbrett, und die Tinte tröpfelte still vom Rand herab dicht an unseren Ohren vorbei zur Erde. Wir 239