Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Die Wasser Babels
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 231 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wasser Babels Mächtigen nicht: „Also brach Sanherib, der König von Assyrien, auf und zog weg und kehrte um und blieb zu Ninive" (2. Könige 19). Diese seine Hauptstadt begann er köstlich auszubauen mit immer neuen Kanälen, Gräben und Wällen. Er leitete aus dem nahen Gebirge eine Wasserleitung in seine neue Residenz, bis sie an Schönheit und Größe das treulose, immer wieder abtrünnige Babylon übertraf. Dann ließ er über das Trümmerfeld der im Rachefeldzug zerstörten Stadt Babylon einen Kanal führen. Seinem forschungsfreudigen Enkel Assur-banipal IL, dem Sardanapal der Griechen (668—26), verdankt die Welt den kostbaren Schatz einer Bibliothek, die alle Zweige assyrischer Literatur, uralte chaldäische Weisheit und die Überlieferungen der noch älteren Urkultur Mesopotamiens bewahrt. Vier Jahrzehnte kaum nach dem Tode des gelehrten Assurbanipal erreichten die Gefangenen aus Jerusalem das Schwemmland der Ströme. Es ist seltsam zu denken, daß Nebukadnezar IL (604—581), der Eroberer von Syrien und Palästina, der die Heerschar seiner Gefangenen an den Wasser seiner Ebenen wohnen ließ, den Ruhm seiner Tage nicht in Sieg und Eroberung suchte, sondern in Tempelbauten, in der Wiederherstellung verfallener Städte und Kanäle. In kaum einer Inschrift rühmt er sich kriegerischer Taten, nur im 2. Buch der Chronik steht es bewahrt: „Er führte weg gen Babel, wer vom Schwert übriggeblieben war", aus dem zerstörten Jerusalem in den blühenden Garten der Euphrat-Tigris-Niederung, in das prunkende, mächtige Babylon. Aber die Gefangenen an den Wassern Babels achteten nicht auf die holde Harmonie der leuchtenden Farben, wenn hoch über stolzen Priesterpalästen mit weißen Wänden und bronzenen Toren, mit ragenden Portalen und dem Wald der tausend Türme das Heiligtum des obersten der Götter Marduk sich im Glänze tiefblau glasierter Ziegel von der Höhe des Turmes Etemenanki in die schimmernde Helle hob. Fast genau mit den in der Bibel bewahrten Worten rühmte Nebukadnezar sich seines Turmbaus zu Ehren des Gottes Marduk: „Ich habe Etemenankis Spitze aufgesetzt, daß sie mit dem Himmel wetteifere." Doch unbewegt von der lebensstarken Freude des fremden Volks, von der wilden Lebendigkeit der Löwenjagden auf Alabasterreliefs an den Außentoren der Paläste, hingen die Gefangenen ihre Harfen an die Weidenzweige der Uferwege und weinten, wenn sie Zions gedachten. Sie blieben blind für die bunten Wunder der „verstörten Tochter Babel", für die magisch leuchtenden Zaubertiere in weiß und gelbem Schmelz auf blauem Grund, die steilgereckten Löwen und grimmigen Wildstiere, für die „schreitende Schlange", den „Drachen von Babel". 231