Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Die Wasser Babels
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 229 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wasser Babels würdig, an der Mündung bezwungener Ströme zu wohnen. Ein Siegelzylinder aus der Zeit um 2650 zeigt den nackten überweisen Helden bärtig und langgelockt, wie er kniend den himmlischen Büffelstier aus einem Gefäß mit sprudelndem Wasser tränkt; breit in regelmäßigen Wellenlinden fließt der Euphrat zu seinen Füßen. Unermüdlich strebte die Phantasie dieser Menschen danach, das Mühen und den Segen ihrer Tage in Symbole aus Stein und Wort zu bannen. Kein Bildwerk dieser bilderfrohen Kultur zeigt eindringlicher im Spiegel überquellender Fruchtbarkeit den Kult der segnenden und gesegneten Wasser, als die Gestalten göttlicher Wesen im Innern eines aufgefundenen Tempels. Genien halten das Lebenswasser an die Brust gedrückt und lassen es machtvoll nach beiden Seiten hin verströmen. Zusammenrauschend mit den Fluten von oben her, tränkt es niederrinnend die Erde. Immer mehr vergeistigte sich im Laufe der wachsenden Kultur das Wasser der Fruchtbarkeit, der Segen der Felder, zum „Wasser des Lebens". Jeden anderen Kult und jede andere Göttergabe überragend, beherrschte der Gedanke an das feuchte Geschenk der Himmlischen das religiöse Gefühl der Menschen dieser Ebene. Auf den Überresten eines großen Beckens aus dem Heiligtum des Gottes Ningirsus hält eine Schar von Jungfrauen in erhobenen Händen das Gefäß voll Lebenswasser. Naturbedingte Anklänge an den Wassermythos umgaben beinahe von selbst die ersten Lebenswege königlicher Helden und heldenhafter Könige des Schwemmlandes. So schmückte die Sage den machtvollen Beherrscher des ersten Weltreiches in Mesopotamien Sargon I. (2684—30) mit dem uralten Mythos der Wassertiefe. „Schar-gani-scharri, der mächtige König, König von Agade bin ich", läßt die Überlieferung den Gewaltigen erzählen, dessen Hand vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf reichte, „meine Mutter war eine Priesterin — im Verborgenen gebar sie mich, mein Vater unbekannt. Sie legte mich in ein Gefäß — und setzte mich in den Strom. Der Strom trug mich fort und brachte mich zu Akki, dem Wasserschöpfer. Akki, der Wasserschöpfer, nahm mich als Sohn an und zog mich groß. Akki, der Wasserschöpfer, machte mich zum Gärtner. Mein Tun als Gärtner gefiel der Ischtar, und ich wurde König und regierte 45 Jahre." In dieser mythisch umkleideten Selbsterzählung verbindet sich wieder himmliches und irdisches Gedenken an die erhaltende Kraft des Zweistromlandes, die gebändigten Wasser. Denn Akki, der Wasserschöpfer, ist kein anderer als Ea selbst, der Gott der Wassertiefe, der den König lehrte, ein Gärtner zu sein und das Land „mit den Wassern der Freude zu bewässern". Denn nur ein Gärtner, von erster Jugendfrühe geheimnisvoll der feuchten Macht verbunden, der die Wasser Babels den strengen Weg 229