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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 228

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
Die Wasser Babels
Date
1938-09-01
Page
228 (sequence 4)
Language
German
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Herta Kanner Feinde, dem Ozean. So stand Ea, der Gott der Wassertiefe, hoch über allen anderen Göttern. Mit seinen Wassern reinigte er die Menschen und gab ihnen im Rauschen des Schilfes seinen Willen kund. Die Priester im Wasserheiligtum von Eridu trugen sein Gewand, die lange schuppige Fischhaut mit Fischkopf und Fischschwanz; in seltsam geheimnisvollen Beschwörungszeremonien und Wasserriten traten sie dort den bösen Kräften der Welt entgegen. Im Wassermythos des Zweistromlandes nahm auch der Sintflutbericht, dieser unerschütterte Bestandteil fast aller Kulte und Religionen, einen gewichtigen Raum ein. Im ständig gefährdeten Bannkreis der Wasser, bedroht vom Steigen und Sinken der Überschwemmungsflut, mußten sich die Menschen dieser Ebene dem vergangenen, fernen Geschehen doppelt nah und verbunden fühlen. Aber was dem strengen Monotheismus der Völker Kanaans zum Strafgericht des einzig ewigen Gottes wurde, entfesselte in Babylonien den Unwillen einer ganzen Götterschar. „Sobald das Morgenrot aufleuchtete", heißt es im Heldenepos ,Gilgamesch', „stieg vom Fundament des Himmels eine schwarze Wolke empor. Drinnen donnerte der Sturmgott, und Nebo und Marduk schritten voran als Herolde der Flut über Berge und Land ziehend____Hadads (des Sturmgotts) Ungestüm drang bis zum Himmel hinan, und alles Licht wurde in Finternis verwandelt Selbst die Götter gerieten in Furcht vor der entfesselten Sturmflut und kauerten sich zusammen wie Hunde. Ischtar schrie und klagte um ihre Menschen. — — Sechs Tage und Nächte fegte der Orkan über das Land hin." Ein Gerechter allein, Utnapischtim, der ,Überweise*, entrann, durch Eas Traum gewarnt, dem allgemeinen Verderben. Ungefährdet durchquerte seine Arche die Flut, beladen mit Gold, Silber und „Lebenssamen" aller Art. Am siebenten Tage endlich beruhigte sich das Meer und die Sturmflut hörte auf. Als sich die Wasser langsam verliefen» wurde' das Schiff vom Berge Nissir aufgehalten. Doch Bei, der Himmelsgott, auf dessen Geheiß die allgemeine Flut hereingebrochen war, ergrimmte angesichts der Rettung des Überweisen und so vieler „Lebenssamen". Allein Ea, Gott der Wassertiefe, beschwichtigte seinen Groll, indem er künftige Frevel der Menschen statt mit reißenden Wasserfluten mit einem Löwen oder wilden Hund zu strafen versprach. „Da bestieg Bei die Arche und segnete Utnapischtim: Vormals war er ein Mensch, von jetzt an aber sei er und sein Weib gleich wie die Götter, wohnen soll er in der Ferne, an der Mündung der Ströme." Die lebensstarke Kraft der machtvoll aufstrebenden Völker Babyloniens verleugnet sich selbst in diesem Bild von Tod und Verderben nicht. Die Beherrscher der Wasser, die siegreichen Überwinder der Flut schienen in Wahrheit den Göttern gleich, 228

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