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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 227

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
Die Wasser Babels
Date
1938-09-01
Page
227 (sequence 3)
Language
German
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Die Wasser Babels Mühen um Stein- und Rohrdämme und Schleusentore verschmolzen in frommer Einheit zur höchsten Religion. In allen Tempeln kündeten Weihetafeln„ bebilderte Inschriften, Tonprismen, Stelen und Siegelzylinder den wahren Ruhm der Könige: das Land „mit den Wassern der Freude zu bewässern". Bis in das vierte Jahrtausend zurück überliefern die ersten literarischen Urkunden das geistige und politische Werden Babyloniens, dieses mesopotamischen Schwemmlandes, das mit den Wassern der Kanäle stieg und fiel. So schützten bereits die sagenhaften „Könige nach der Flut" ihr Gebiet durch breite Gräben, die Priesterfürsten (patesi) der Stadtstaaten legten Dämme und Kanäle an, und die einander folgenden Dynastien der „Könige von Sumer und Akad", der „Könige der vier Weltteile" und der „Frommen Hirten von Nippur" füllten die Lebensadern der Ebene mit den Fluten des wasserreichen Tigris. Unter der ajles überflügelnden Macht der assyrischen „Könige der Welt" reichten die Kanäle sogar bis tief in die mesopotamische Steppe hinein, — damals, als Nebukadnezar II. den Stamm Juda in die Gefangenschaft führte an die Wasser Babels. Hundertfältig und immer wieder von den Gewalten der Wasser umgeben, in jeder Gestalt von Mangel und Überfluß, als Dürre und Überschwemmung, versickerndes Rinnsal und fortreißende Flut, befruchtend und verheerend, Ursache und Untergang der Gärten Babels, formte der mythische Sinn dieser ersten Kulturträger im Schwemmland die himmlische Macht ihrer unsichtbaren Götter nach dem Bild der sie umgebenden irdischen Kräfte. So setzte der Mythos im Euphrat-Tigris-Gebiet das „Urwasser" an den Anfang aller Dinge. Im Weltschöpfungsepos, das babylonischer Sitte gemäß nach seinen Anfangsworten „Als droben" genannt wurde, steht im Beginn aller Dinge das ungeheure Toben des Urozeans. Mit ungehemmtem Rasen brodelten und quirlten die Wasser durcheinander, keine Grenze schied das süße Wasser der Ströme von salziger Meeresflut. Von keiner Macht gezähmt herrschte Tiamat, das Urbild des Chaos und der Wirrnis. „Als droben der Himmel noch nicht genannt war, Drunten die Veste einen Namen nicht trug, Apsu, Mummu, Tiamat..." Aus der Entwirrung erst, aus der Entstehung von oben und unten, bildete sich Anu, der Himmel, und Ea, die Wassertiefe. Doch die wachsende Ordnung konnte sich nicht widerstandslos durchsetzen, Apsu und Tiamat, Urozean und Chaos, lehnten sich auf, bis Gott Ea siegreich den Kampf zu Ende führte. Dann kam die Ruhe und Ea baute sich als erste Friedenstat einen Palast, den er Apsu nannte, nach dem überwundenen 227

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