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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 226

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
Die Wasser Babels
Date
1938-09-01
Page
226 (sequence 2)
Language
German
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Herta Kanner seit die ersten Wanderer, Sumerer vom Innern Asiens her, sich über die Entwicklungsstufe der schweifenden Jäger erhoben und das sumpfige Gebiet durch Abzugskanäle entwässert hatten. In breit angelegten Gräben begannen damals die gebändigten Wasser die luftgetrockneten Ziegelmauern der städtischen Siedlungen zu umspülen, in deren Schutz sich die Tempel der Stadtgötter erhoben und die schilfbedeckten, einräumigen Hütten dieser ersten Kulturträger Babyloniens. Doch von regenlosen Sommern und den Hochwasserüberschwemmungen zur Zeit der Schneeschmelze im Gebirge bedroht, konnte das kaum zweihundert Quadratkilometer große Schwemmland von der unteren Ausbuchtung zwischen Euphrat und Tigris im Norden his zu den damals noch getrennt verlaufenden Mündungen dieser Ströme im Persischen Meerbusen nur durch immer erneute Pflege der Wasserbauten einer aufblühenden Kultur erhalten bleiben. Nur die „Wasser der Freude" bewahrten Babel davor, erneut „zum Erbe der Igel" zu werden „und zum Wassersumpf" (Jesaja 14, 23). Erst als die mühsam kunstreichen Anlagen, Stauwerke, Schleusen und Dämme zerfielen, als das krieg- und notbedrängte Volk der Euphrat-Tigris-Niederung die Kanäle versickern und versanden ließ, sank vor den Mongolenhorden mit ihrem furchtbaren Dschengis Khan im Untergang einer reichen und glücklichen Kultur auch der Garten Babylon in Sumpf und Chaos zurück. Heute liegen die einstigen Städte des mesopotamischen Schwemmlandes, Süd- und Nordbabyloniens, Sumers und Akads, unter hohen Schutthügeln begraben: Eridu, das Heiligtum des Wassergottes Ea mit seinem seltsam geheimnisvollen Kult, und Mugeir, das biblische Ur, aus dessen ältesten Schichten die Forschung Teakholz ergraben konnte, vermutlich Handelsware aus der indischen Urheimat seiner ersten Siedler. Trümmer bedecken das dem Sturmgott geweihte Nippur, Uruk, das Erech der Bibel, mit dem Kult des Himmelsgottes Anu, Babylon, die „Pforte Gottes", Kisch und Sippar, die Sonnenstadt, und das so viel geschmähte Ninive am Tigrisufer. Sie alle waren einst hundertfach umspült und durchzogen von den „Wassern der Fruchtbarkeit". Während das kulturell so nah verbundene Ägypten ein Geschenk des Nils war, dessen Fluten unabhängig von Menschenmühen, einzig nach dem Beschluß der Natur jährlich zu fest bestimmter Zeit das Land befruchteten, forderten die strengen Götter der Euphrat-Tigris-Niederung unerbittlich ihre Arbeitsopfer für die Gabe der „ewig sprudelnden, lebendigen Wasser". Jedes Volk und jeder Herrscher des Zweistromlandes, vom Ausgang der jüngeren Steinzeit an, diente, im Kampfe mit den Wassern, Mensichen und Göttern zugleich. Kult und sehr irdisches 226

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