Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Die Wasser Babels
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 225 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895586-2908512--10840-2908545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herta Kanner: Die Wasser Babels „An den Massern zu Babel saßen wir und weinten — Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die daselbst sind." 137. Psalm „Zu der Zeit zogen herauf die Knechte Nebukadnezars, des Königs zu Babel, gen Jerusalem" steht im 2. Buch der Könige geschrieben, „er führte weg das ganze Jerusalem — dazu die Mächtigen im Lande, von Jerusalem gen Babel". Und an den Wassern zu Babel, die hell und schimmernd, ein weitverzweigtes Netz die fruchtbaren Ebenen Babyloniens durchzogen, saßen die Gefangenen und weinten; ihre Harfen hingen an den Weiden, dem Uferbaum der Wasserwege. In den langsam dahinziehenden Fluten der Kanäle, in der geruhsamen Breite des Euphrat (babyl. burut-Fluß), spiegelte sich der blaue Glanz der glasierten Ziegel des Ischtartores wider, das an der heiligen Straße stand, neben den weißen Alabastersäulen der Paläste und steilen Mauern in Mosaik aus gelb und rot und schwarz gebranntem Ton. Blitzend warfen weiter unten die Wasser den Schein des Goldes vom Tempel des obersten der Götter Marduk zurück. Mit heiligen Emblemen bunt bemalt glitt feierlich das Schiff mit dem edelsteingeschmückten, kostbaren Götterbild über die Wasser Babels, machtvoll überschattet von einem gewaltigen Stufenurm aus gebrannen Ziegeln, zikkurat, dem Turm zu Babel. „Da sie nun zogen gen Morgen", erzählt die Genesis von den Nachkommen der Kinder Noahs, „fanden sie ein ebenes Land, im Lande Sinear". Und in Sinear, in Babylonien, nahmen sie „Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk", um in Stufen und Terrassen einen Turm zu bauen „des Spitze bis an den Himmel reiche". Etemenanki, „der Grundstein des. Himmels und der Erde", ragt verfallen im heiligen Bezirk der Schutthügel von Kasr(-Burg) bis in unsere Tage, wie auch in Ur, der Heimat Abrains, aus der er gen Haran zog, im zerbröckelnden Gewirr der luftgetrockneten Lehmziegel letzte Pfeiler eines hochgetürmten Heiligtumes stehen. Denn keine Stadt in diesem uralten Kulturzentrum Vorderasiens versäumte es, dem heimischen Gott auf der kunstreich gestuften Höhe eines Tempelberges einen Wohnsitz zu errichten, hoch erhoben und so der ständig drohenden Überschwemmungsgefahr im Sumpfland der Ströme entrückt. Das war so, 225