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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 223

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
Liebe zum Schicksal
Date
1938-09-01
Page
223 (sequence 3)
Language
German
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Liebe zum Schicksal wie wir täglich aus Palästina hören, rascher und plötzlicher nahen kann, als wir es je geahnt hätten? Da überkommt manchen von uns die Furcht, daß das Leben unbegreiflich mit ihm spiele, und verwirrt beginnt er selbst, sein Leben gering zu achten. Über all diesem aber steht als Schlimmstes die innere Unruhe, die sich vieler unserer Menschen bemächtigt hat, jene Furcht vor dem Morgen, die sie das Heute nicht ertragen läßt. Wie Mühlräder kreisen in ihrem Hirn immer wieder die gleichen Sorgen und Gedanken, Nerven zermürbend und Kräfte zerstörend. Es scheint, als solle sich an ihnen der furchtbarste Fluch erfüllen, den die Bibel auszusprechen weiß: „Am Morgen sollst du sprechen: wäre es nur erst Abend — und am Abend, wäre es nur erst Morgen!" Was kann uns dies ertragen helfen? Leicht ist die Antwort nicht, wenn wir uns nicht mit billigen Redensarten begnügen wollen. Denn wir dürfen nicht verkennen, daß bei vielen ein Teil ihrer gewöhnlichen inneren Reserven aufgezehrt ist Aber kann nicht gerade daraus Kraft erwachsen, daß wir unser Leben nun wirklich durchleben mit der ganzen großartigen Reihe seiner Möglichkeiten? Wenn es in „Hyperions Schicksalslied" von den Menschen heißt: „Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn" — wird an uns nicht dieses Rinken mit dem Schicksal, das den eigentlichen Kern menschlichen Daseins bildet, zur Wirklichkeit? Wir leben nicht „schicksallos wie der schlafende Säugling" dahin, sondern erfahren die Wandelbarkeit alles scheinbar Endgültigen in ihrer ganzen und vollen Tiefe. Wie Robinson Crusoe erst den Weg der Zivilisation bis zu ihrem Anfangspunkt zurückgehen mußte, um schöpferisch neu eine umfassende Schau über den ganzen Kosmos zu gewinnen und alle in ihm ruhenden Kräfte auszulösen, so kann auch uns der Fall der Mauern, die unsern Lebensbezirk zwar umfriedeten, aber auch umgrenzten, zu neuem Ausblick werden. Gewiß, wir wollen die Bemühungen, mit denen wir unser Leben neu aufzubauen suchen, nicht romantisieren. Aber ein neuer Anfang ist es, der uns bereitet ist und der uns die Weite menschlichen Daseins ahnend zeigt. Die Not läßt uns alle wieder zu Entdeckern werden. Wie in einem Brennspiegel konzentrieren sich in der Frage 223

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