Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Liebe zum Schicksal
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 222 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Liebe zum Schicksal seiner Geborgenheit nicht verliert, erst eines elementaren Naturereignisses von nie erlaubter Wucht bedarf, um ihm seine Kreätürlichkeit bewußt werden zu lassen, so rüttelte auch uns erst der Erdrutsch, den wir durchlebten, aus unserer Selbstsicherheit auf. Damit gewinnen aber auch unsere Hohen Feiertage die Bedeutung zurück, die ihnen innewohnt. Mochten sie früher, als unser Leben sich in scheinbar sicheren Bahnen bewegte, in erster Reihe der Bewußtmachung unseres Judeseins gedient haben, so lassen sie uns heute, da unser Judesein mit all seinen Folgen uns täglich und stündlich durch unsern Alltag begleitet, zum Menschlichen im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes vorstoßen. Wenn wir vernehmen, daß der Mensch dem Schilf gleiche, das vom Winde hin- und herbewegt wird, daß mancher aus der Mitte seiner Jahre herausgerissen werde, daß auch der Reiche und Gesicherte der Armut und Unruhe verfallen könne, so hat all dies für uns einen echten und erschütternden Klang. In der Tat gibt es kein Gebiet unseres Daseins, auf dem das Schicksal seine Furchen nicht tief in unser Leben eingegraben hätte. Wir sprechen nicht von dem Wegfall an äußerem Ansehen, auch nicht von der Trennung von altgewohnten und liebgewordenen Tätigkeiten, die viele ein neues Leben beginnen heißt. Sondern wir fühlen, daß wir, wie seit langem keine Generation vor uns, dem Schicksal nackt gegenüberstehen. Nichts ist für uns mehr sicher; der Boden, auf dem unsere Füße stehen, ist ins Wanken geraten, und noch ist für die meisten von uns ungewiß, auf welchem Teil der Erdoberfläche sie einen neuen festen Halt finden werden. Tragödien von Liebe und Tod, die tiefsten Begegnungen des Menschen mit seinem Schicksal durchleben wir in den stärksten und vielfältigsten Formen, und manche brechen unter seiner erschütternden Wucht fast zusammen. Denn welch schwere Prüfung ist es für jeden Einzelnen, wenn Verbindungen zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern und Freunden zerrissen werden, wenn der geliebte, in der Ferne lebende Mensch uns mit einer Unwiederbringlichkeit entschwindet, wie sonst nur der Tod sie bewirkt? Wie sollen wir es ertragen, den Tod oft so unerwartet nahe unserem körperlichen Leben zu sehen, der 222