Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Liebe zum Schicksal
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Liebe zum Schicksal unserer eigenen Lebensgestaltung alle gesellschaftlichen, sozialen und politischen Fragen menschlichen Zusammenlebens. Jeder von uns wird, um für sein eigenes Sein Entscheidungen treffen zu können, zum Geographen und Volkswirt, zum Klimatologen und Sprachstudenten. Berufe und Lebenszusammenhänge, in die wir früher nur einen entfernten Einblick hatten, sind plötzlich in unseren unmittelbaren Gesichtskreis getreten. Wer durch all dies das Leben in seiner unendlichen Vielfalt kennenlernt, lebt voller, lebt bewußter, lebt — lebendiger. Er erfährt, daß dieses Leben eine große Sache ist, im Anschluß an die geheimen Kräfte der Natur, an die gestaltenden und bauenden ebenso wie an die drückenden und zerstörenden. Nackt stehen wir vor dem Schicksal. Aber dadurch sind wir nicht nur von manchen bisherigen Hilfsmitteln frei, sondern auch frei von dem Ballast der Vorurteile, Gewohnheiten und Konventionen, die unser Blickfeld verengten. Wir wollen uns der Situation nicht verschließen, und wir wollen uns auch keinem unverpflichtenden Fatalismus hingeben. Aber wir wollen unser Leben lieben, weil, nicht obgleich es sich uns in seiner ganzen elementaren Kraft offenbart hat. Mit solchen Empfindungen bereiten wir uns auf die Hohen Tage unseres Jahres vor. Manches vertraute Gesicht, das wir in den vergangenen Jahren im Tempel sahen, werden wir diesmal vermissen; mancher Platz, der von drei oder vier Generationen der gleichen Familie benutzt worden war, wird verwaist sein. Die Tore vieler Kleinstadtsynagogen werden geschlossen bleiben, und in vielen Ortschaften rechnet man schon nach, ob man den Minjan noch zusammenbringen werde. Doch alle Juden vernehmen in diesen Tagen den Klang der Posaune. Aus den Synagogen dieses Landes, aus den Bethäusern aller Länder des Erdballes, die jüdischen Menschen zur neuen Heimat werden sollen, und auch aus den Kajüten der Überseedampfer entringt sich als Antwort mit nie gehörter Kraft und Innigkeit der Ruf, daß wir eingeschrieben werden mögen in das Buch des Lebens zu einem guten Jahr! W. R. 224