Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Liebe zum Schicksal
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 221 (sequence 1)
- Language
- German
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DER MORGEN / Monatsschrift der Juden in Deutschland BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLD STEIN, DARMSTADT 14. JAHRGANG SEPTEMBER 1938 HEFT 6 Liebe zum Schicksal „Ein Fest des Gedächtnisses*' sollen wir in diesen Tagen feiern und „ein Fest der Sühne" — so lautet die biblische Satzung — „für alle unsere Geschlechter in allen unsern Wohnungen". Vielleicht ist es die einzige Vorschrift, die wir stets als bindend empfunden haben, auch in Zeiten, da unser Judesein einen geringeren Raum in unserem Bewußtsein einnahm als heute. Einmal im Jahr waren wir in den Rhythmus des jüdischen Lebens eingereiht, einmal verband uns unser Tageslauf mit den Jahrtausenden vor uns und den jüdischen Menschen um uns. Wir spürten die Besonderheit unseres judeseins, und wir empfanden es als ein tiefes Glück, daß uns unsere Überlieferung in diesen Tagen der Einkehr aus der Alltäglichkeit unseres Daseins emporhob. So war es früher, in einer Zeit, von der uns zwar an Jahren nicht viel trennt, der wir uns aber dennoch so entfernt fühlen, daß wir manchmal an der Identität unseres damaligen Ichs mit unserm jetzigen zweifeln möchten. Wir sind leicht geneigt, uns vorzuwerfen, daß wir die Feiertage in jenen „guten" Zeiten nicht „richtig" begangen hätten, daß wir laue Juden und schlechte Beter gewesen, daß es ein veräußerlichtes Feiern gewesen sei, ohne die Demut vor dem Schicksal, die uns in diesen Tagen hätte ergreifen müssen. Und doch wäre diese Selbstkritik ungerecht. Denn nicht wir waren stumpf gegen das Schicksal, sondern das Schicksal hatte sich uns von seiner gütigen Seite gezeigt, so daß wir seine elementare Kraft nicht ohne weiteres zu erkennen vermochten. Ebenso wie es für den Großstädter unserer Tage, der auch bei Sturm und Gewitter das Gefühl 221