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Der Morgen · 1938-08-01 · Heft 5 (August 1938) · p. 212

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 5 (August 1938)
Article
Vom abenteuerlichen Juden
Date
1938-08-01
Page
212 (sequence 2)
Language
German
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Hans Lamm : Persönlichkeilen zum Gegenstand; sie über Geistes- und Kulturgeschichte auszuweiten, ist die entscheidende Forderung. Geht man auf Grund dieses neuen Geschichtsbewußtseins aufgeschlossen und mit dem von der allgemeinen Wissenschaft gelieferten Rüstzeug an die Forschung, dann sind ungeahnte Ausblicke und Ergebnisse zu erhoffen. Niemals ist — auch bei uns Juden nicht — „Dulden und Denken" Sache der Masse, es ist den Einzelnen beschieden. Das Volksganze nun kann seinen Weg nicht dauernd an aristokratisch-anspruchsvollen Gesetzen ausrichten; es muß nach Normalisierung streben. Dennoch tut Heymann gut daran, wenn er aus verstreuten Arcbivschätzen die Bilder jüdischer Abenteurer formt und so erweist, daß nicht nur Denker und Dulder zu unseren Ahnen gehörten. Das Bild der nachbiblischen Geschichte ais einer Folge von „Gelehrten und. Hofjuden" bedarf ergänzender Töne. Wie es unserer Zeit vorbehalten war, Bewegungen revolutionärer Art wie Kabbalisten und Chassidim, auch pseudomessianische Erscheinungen, deutend darzustellen und als legitim in unsere Geschichte einzufügen, so muß nun unsere Historiographie auch daran gehen, jene Einzelnen zu erfassen, die aus der Reihe tanzten. Nicht bloß darum, weil unsere Geschichte auch auf die Buntheit dieser Leben nicht verzichten soll, sondern hauptsächlich, weil ihr Bild in die jüdische Wirklichkeit gehört wie das allgemeiner bekannter Helden, und weil es dem Wissenschaftler schlecht ansteht, nach subjektivem Gutdünken in die Listen „großer Männer" Eintragungen zu machen und andere daraus schulmeisterlich zu löschen. Der Unterschied zwischen „Held" und „Abenteurer" ist zuletzt einer des Charakters: ob einer sein Schicksal selbst gestaltet oder sich vom Zufall treiben läßt. Daß Schicksal und Erfolg entscheidend sind, weist Heymann mit Recht eindringlich nach: „Ein Held ist den Menschen, wer das Unmögliche vollbringt, das Unerschütterliche stürzt, das Unerreichbare erringt, das Unantastbare packt, das Ungeheuerliche zwingt. Sein Leben lang und für die Geschichte aber bleibt er ein Abenteurer, wenn ihm der große Wurf nicht gelingt." Im Mittelpunkt des Buches steht an Umfang wie an Bedeutung die Lebensmär des „Docteur et Rabin" Simon van Geldern, der aus den Erinnerungen seines Großneffen. Heinrich Heine nicht unbekannt ist. Alles was sonst, etwa von David Kaufmann, bisher über ihn ermittelt wurde, reichte nicht aus, um das Bild dieses einzigartigen Mannes und seines Lebens zu zeichnen. Heymann hat nun so gut wie lückenlos aus verschollenen Aktenbündeln Material gesammelt, über das er ausführlich und atemraubend Bericht ablegt. Vor uns ersteht da der Abenteurerweg dieses Wanderes im Turban, der als Vierjähriger schon Gemara studierte und lebenslänglich ein achtenswerter Gelehrter blieb, der in allen Städten zwischen Venedig und Amsterdam zu Hause war, der mehrmals ins Heilige Land pilgerte und darüber klug und fesselnd schrieb, der Vol- 212

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