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Der Morgen · 1938-08-01 · Heft 5 (August 1938) · p. 211

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 5 (August 1938)
Article
Vom abenteuerlichen Juden
Date
1938-08-01
Page
211 (sequence 1)
Language
German
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Vom abenteuerlichen Juden Anmerkungen zu Fritz Heymanns „Chevalier -van Geldern" Im letzten Jahrhundert hat ein berühmter Physiker den Ausspruch getan, daß in seinem Fach nun alles Wesentliche erdacht und erforscht sei und es jetzt höchstens noch um kleine Verbesserungen gehe. Kurze Zeit darauf begannen ungeahnte theoretische und praktische Umwälzungen, die das Gesicht dieser Wissenschaft von Grund auf wandelten. Diese Anekdote hat für jeden Forscher etwas Tröstliches an sich. Denn in Wahrheit gibt es kein Ende gelehrter Arbeit, und wenn einer Wissenschaft attestiert wird, daß sie „am Ende" sei, dann handelt es sich zumeist um einen Scheintod, aus dem sie unversehens erwacht, verjüngt und gekräftigt und zu Taten fähig, die man ihr in ihren „besten Tagen" nie zugetraut hätte. Die nun über 100 Jahre alte „Wissenschaft des Judentums" befindet sich bei uns in der mißlichen Lage, daß sie zwar noch in eigenen Lehranstalten, Gesellschaften und Monatsschriften betrieben wird und sich dabei sogar der Förderung der Allgemeinheit (die in einer Mischung von Pietät und Herablassung dargereicht wird) erfreut, daß sie aber im Grunde nicht mehr als Diskussionsgegenstand oder gar als ernst zu nehmendes Anliegen empfunden wird. Dem Durchschnittsjuden, auch dem gebildeten und wissenschaftlich interessierten, gilt dieses Forschungsgebiet als zeit- und weltferne „Museumswissenschaft", die endgültig zu verbleichen sich anschicke. Das vor geraumer Zeit erschienene Buch von Fritz Hey mann „Der Chevalier von Geldern. Eine Chronik vom Abenteuer des Juden" ist als förderlicher Beitrag zu der Frage, ob tatsächlich die Wissenschaft des Judentums in eine Sackgasse geraten sei, dankbar anzunehmen. Fast seit Anbeginn definiert unsere Historiographie, „Dulden und Denken" (Zunz) seien die Leitmotive jüdischer Geschichte, und so verschieden im einzelnen ihre Schau sich gestaltete und so gewaltig die Fortschritte auf ihren zahlreichen Forschungsgebieten waren, so wehig hat sie sich jemals grundsätzlich von dieser alten Konzeption freigemacht. Es wäre eine lohnende und echt wissenschaftliche Aufgabe, zu untersuchen, warum man sich an diese, die weite Sicht versperrende Vorstellung wie gebannt festklammerte. Natürlich unterfängt sich niemand — auch Heymann nicht —, in Zweifel zu ziehen, welche formende und oft bestimmende Kraft in der jüdischen Geschichte unser Geistesleben und unsere so häufigen leidvollen Erlebnisse hatten. Aber es scheint zu eng, allein mit den Begriffen Denken und Dulden unsere Volksgeschichte ausschöpfen zu wollen. Jüdische Geschichte hat (wie auch sonst Geschichte) nicht nur die durch Leistung oder Beispiel bestimmenden 211

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