Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Vom abenteuerlichen Juden
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 213 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895585-2908435--10813-2908497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vom abenteuerlichen Juden taires Entzücken und das Entsetzen von Fürstenhöfen hervorrief. Bei aller Unterhaltsamkeit ist es die Geschichte eines sicherlich tief einsamen und gehetzten Mannes, der erst auf einem elsässischen Judenfriedhof die lebenslang vergeblich erstrebte Ruhe fand. Eine Historie, bedeutsam und aufregend genug, um ein gewichtiges Buch allein zu füllen. Daß van Geldern dem Abbe Gregoire, dem nachmaligen Vorkämpfer der Emanzipation, entscheidende Anregungen gab, mag einen Hinweis dafür geben, daß auch die bisherige Geschichtsschreibung durch Heymanns Forschungen bereichert wird. „Wo ihr hingreift, ist es interessant", und darum fällt es schwer, auf eine Wiedergabe der übrigen Lebensberichte verzichten zu müssen. Wer hörte beispielsweise schon von dem schneidigen Räuberhauptmann Picard, der in jeder Hinsicht mehr als der populäre „Schinderhannes" verdient, unvergessen zu bleiben, wer kannte den „Erzmagier Philadelphia" und Lichtenbergs amüsablen Krieg gegen ihn, wer hat gewußt, daß in so gewaltigem Umfang die Marannen an Entdeckung und Besiedlung Amerikas beteiligt waren? Haben bisher jüdische Historiker schon über Benjamin Franck geschrieben, der aus Fürth stammend, in London 1650 das Licht der Welt erblickte und aufregende Fahrten mit dem Kaper-Kapitän Kidd unternahm, oder über die Lebens- und Todesfahrt des Gabriel Milan, Gouverneurs der Dänisch-Westindischen Kompagnie auf St. Thomas? Warum erfuhr man vordem nicht von der Romanze des Königs Antonio von Portugal, in dessen Adern jüdisches Blut rollte, wie in denen Ferdinand J. Wits, des Gefährten der „Tyrannenmörder" Follenius und Sand, oder die ergreifende Geschichte des einst weltberühmten Boxers Daniel Mendoza? Heymanns erstes Abenteuerbuch hat in der Tat eine erstaunliche Fülle von Gedanken und Begebenheiten eingefangen. Den Gestalten, die Heymann vor den Leser hinstellt, ließe sich eine Schar ähnlich ungewöhnlicher Lebensläufe anreihen. Wie unerschöpflich der Born abenteuerlicher Gestalten unserer Geschichte ist, zeigen wahllos herausgegriffene Namen wie Ghasdai ibn Schaprut, Münzmeister Lippold, Josef Herzog von Naxos, Louise Grafemus, ,;Rabbi von Ladi" Salman Sohneor (der die Juden gegen Napoleon aufrief), Major Noah, Adam Rosenzweig oder Barrobasto. Keine Zeit, auch nicht die angeblich nüchternste, ist solcher „Outsider" bar. Heymann ging mit Recht daran, mit der Entfernung „jener Patina aus Vorurteil, Befangenheit, Nichtwissenwollen und Apologetik, die so viele Gestalten jüdischer Geschichte deckt," zu beginnen. Hans Lamm 213