Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Die Evangelien als jüdische Quelle
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 206 (sequence 5)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger: ■ Was eine solche von dem verwirrenden Gerüst der gelehrten Arbeit befreite Klarlegung des jüdischen Kerns der Botschaft Jesu bedeutet, lehrt den Außenstehenden ein Blick in die reinen Stoffsammlungen der neuesten Zeit in unserer nächsten Reichweite, seien es die an die Verwandlungen des Judentums ganz nah heranführenden Wortmonographien in dem Kitteischen „Wörterbuch", seien es der weitläufige Kommentar von Strack-Billerbeck zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch oder die Bände der neutestamentlichen Zeitschriften und die älteren großen Werke von Schürer und Eduard Meyer. Dazu eine nie abreißende Einzelforschung der Philologen, Historiker und Theologen! Baeck hat trotz der Vielfädigkeit der Probleme und der kaum übersehbaren, aus den Grenzgebieten herüberragenden sprach- und rehgionswissenschaftlichen, archäologischen und kirchengeschichtlichen Forschungsergebnisse ein bewundernswert abgewogenes und vielseitiges Bild des Weges zu den Evangelien als Zeugnissen unserer Geschichte und unserer ureigenen Geisteshaltung gezeichnet. Die christlichen Bücher sprechen ja nicht unmittelbar zu uns, sie weisen uns vielmehr unerbittlich ab und bekämpfen uns mit den schärfsten Waffen. Im selbstbewußten Judentum der Zerstreuung gab es ein sehr sicheres Gefühl für das absolut Trennende. Den Namen Jesu sprach kein Jude aus, und die „Toldot- Jeschu", die jüdische Karikatur der evangelischen Wundergeschichten, deuten auf einen Abgrund zwischen den Wertordnungen auf beiden Seiten. Deshalb ist die Führung, der Zugang zu den Evangelien das Vordringlichste. Die Herauslösung eines von späteren Zutaten gereinigten „Urevangelismus", der eigentlichen „Botschaft Jesu", ist das jetzt im ganzen gesicherte Ergebnis von Forschergenerationen. Baeck erkennt dieses Urbild an — im wesentlichen in der Fassung, die ihm zuletzt Dibelius gegeben hat — und beansprucht es für das Judentum. Seine Musterleistung besteht in der nahtlosen Darbietung und Deutung dieses jüdischen Fundaments. Über dieses Methodische hinaus gibt Baeck in vollendeter Klarheit eine geistige Entscheidung, die wir nicht bis zum Ende mitvollziehen können. Auch wenn man imstande ist, nach Freilegung der oberen überdeckenden Schichten auf den Wegen, die Baeck selbst so eindringlich weist, zum Ursprünglichen und Jüdischen, zu einem alten jüdischen Urevangelium vorzudringen, so bleibt doch die Persönlichkeit, das Leben Jesu verborgen. Baeck sieht in dem alten Evangelium, das er erschließt, die „edlen Züge eines Mannes, der während erregter, gespannter Tage im Lande der Juden lebte und half und wirkte, duldete und starb, eines Mannes aus dem jüdischen Volke, auf jüdischen Wegen, im jüdischen Glauben und Hoffen, dessen Geist in der Heiligen Schrift 206