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Der Morgen · 1938-08-01 · Heft 5 (August 1938) · p. 207

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 5 (August 1938)
Article
Die Evangelien als jüdische Quelle
Date
1938-08-01
Page
207 (sequence 6)
Language
German
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Die Evangelien als jüdische Quelle wohnte, der in ihr dichtete und sann und der das Wort Gottes kündete und lehrte, weil ihm Gott gegeben hatte, zu hören und zu predigen." Die alten nicht-christlichen Jesus-Zeugnisse, die immer noch auf einem halben Oktav-Blatt bequem Platz finden, ergeben jedoch ebenso wenig ein geschichtswissenschaftlich gesichertes „Leben Jesu" wie die neutestamentlichen Schriften; man könnte also das wiedergewonnene Urbild mit demselben Recht stoisch-menschlich deuten („Widersteht nicht dem Übel") wie auch als spätjüdisch, d. h. scharf geschieden von dem alles andre als stoisch-menschlichen Alt-Israel der vorexilischen Ur-Bibel. Trotz des Einwands dagegen, dem im Evangelium kaum mehr sichtbaren historischen Jesus jüdische Züge zu verleihen, hellt das Buch von Baeck auf eine gültige Art das Evangelium als jüdische Geschichtsquelle auf. Indem es die Weise der jüdischen Tradition und den Umgang mit dem Schriftwort im Judentum, endlich Logik und Stil dieses „Weiterdichtens" scharf aufzeigt, wird der Weg freigemacht, das Besondere der Evangeliumstradition zu erweisen. Diese Tradition stellt sich dabei als identisch mit der Überlieferungsform in der jüdischen Welt und auch mit ihrem Geist heraus. Die griechisch-römische Welt hat die alte Überlieferung in der christlichen Missionspredigt umgeformt; noch tiefer hat darin das jüdische Volksgeschick, die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 eingeschnitten. Es wurde zum christlichen Glaubenssatz, daß Gott sich von Israel abgekehrt habe; das veränderte die Botschaft von Jesus, der das bevorstehende Verhängnis gewußt haben muß und dem nun entsprechende Andeutungen in den Mund gelegt werden. Die endgültige Trennung vom jüdischen Volk und vom Judentum war die weitere Folge der Katastrophe des Jahres 70. Die christliche Gemeinde und Überlieferung stehen von jetzt ab scharf und eindeutig gegen die Juden, mit denen sich noch Jesus und die Apostelgemeinde eins gewußt haben. Alle Verkündigung und alle Niederschrift spricht jetzt von diesem Wandel. Die Spuren aller dieser Veränderungen führen zu einer deutlichen Scheidung des Ursprünglichen von dem nachträglich Hinzugekommenen. „Manches in den Evangelien bietet das Bild eines Palimpsests, über die alte Kunde ist Neues gleichsam hinübergeschrieben worden. Aber im ganzen ist es doch möglich, zu dem Ursprünglichen hindurchzugelangen." Die gut gewählten Beispiele und die Ergänzungen durch die Wiedergabe der ursprünglichen Stücke aus den neutestamentlichen „Begebenheiten" sowie aus den Sprüchen und Gleichnissen runden Baecks neues, überaus dicht und prägnant gearbeitetes Evangeliumbuch zu einem wissenschaftlichen kleinen Wunderwerk und zur besten Einführung in klassische Urkunden unserer jüdischen Geschichte ab. 207

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