Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Die Evangelien als jüdische Quelle
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 205 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Evangelien als jüdische Quelle im Fahrwasser der liberalen protestantischen Theologie, in der Sehweise der „Religionsgeschichtlichen Volksbücher" vor mehr als dreißig Jahren. Obwohl diese Stimme vom Skopus-Berg und von Talpiot kommt und trotz der hebräischen Sprache sind Ton und Schule Heidelbergs und Jenas von 1900 nicht zu verkennen. Klausner vermißt bei Jesus — an Hillel gemessen — das spezifische Volksgefühl. Sein Jesus-Werk charakterisiert sich selbst durch zwei Hauptteile: „Wenn wir die Wunderberichte und einige mystische Aussagen, deren Tendenz die Vergöttlichung des Menschensohnes ist, beiseite lassen und uns nur an die in den Evangelien überlieferte Sittenlehre und an die Gleichnisse halten, dann kann man die Evangelien als eine der herrlichsten Sammlungen ethischer Worte, die es gibt, ansehen." Moralistische Aufklärung also und humanistische Säkularisierung der religiösen Urkräfte im Evangelium — beides führt Klausner weit ab von dem eigentlichen Anliegen der christlichen Urkunden. Noch bezeichnender ist für die perspektivische Verzerrung seines Jesu- Bildes eine zweite Leit-These: „In den Evangelien gibt es nicht eine moralische Bestimmung, die nicht im Alten Testament, der außerkanonischen jüdischen Literatur, im Talmud und Midrasch, soweit sie aus dem Umkreis der Zeit Jesu stammen, ihre Parallele hätte. Und dabei handelt es sich nachweislich immer um altes Gut jüdischer Ethik und zum Teil um wörtliche Übereinstimmung mit Formulierungen aus Jesu Mund." Hinter einer solchen Betrachtungsweise steht die Apologie und die unwiderstehliche Banngewalt, mit der im 19. Jahrhundert die geschichtswissenschaftliche Darstellung im jüdischen Kreis in erster Linie und um jeden Preis die Unbezweifelbarkeit der jüdischen Kultur- und Europafähigkeit in den Vordergrund rückte. Die große historische Zeugniskraft der Evangelien für die jüdische Geschichte besteht darin, daß wir hier nach vorsichtiger Wegräumung vieler Verdeckungen und Verkehrungen tief in jüdisches Leben und Denken hineinblicken können. Wie Baeck in einer gedrungenen Darstellung das Evangelium als Urkunde jüdischer Glaubensgeschichte auswertet, ist von größtem, spannendem Interesse. Er trägt die christlichen Übermalungen ab und hat ein einzigartiges jüdisches Literaturdenkmal in der Hand. Auf dem unsichtbaren Hintergrund einer weltweiten, ungemein verästelten, nie stillstehenden Forschungsarbeit, an der seit Jahrhunderten die Generationen und Völker in allen Kultursprachen, mit den verschiedensten Zielen, Idealen, Methoden beteiligt sind, wird hier Klarheit und Übersicht über die rein jüdischen Aufbauelemente der Evangelien gewonnen. «205