Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Die Evangelien als jüdische Quelle
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 204 (sequence 3)
- Language
- German
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Ludwig Feuchlwanger: Geschehen, jüdische Denk- und Handlungsweise bloßlegt. Leo Baeck geht so vor in seinem neuen Buch „Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte" (Berlin 1938 — Bücherei des Schocken-Verlags Nr. 87). * Ehe wir zeigen, wie Baeck aus der jüdischen Überlieferungsweise das Evangelium als jüdisches Buch verstehen lehrt und mit welcher Einschränkung uns hier eine legitime Deutung des im Evangelium Niedergelegten gegeben erscheint, soll ein Blick auf die älteren jüdischen Bemühungen um ein Verständnis der Jesu-Zeugnisse geworfen werden. Die seit dem Antritt der christlichen Weltherrschaft sehr begründete öffentliche Zurückhaltung des jüdischen Schrifttums vor dem neutestamentlichen Stoff hat mit der Sprengung der geschlossenen jüdischen Lebensordnung, also seit der Emanzipation, aufgehört. Isaak Markus Jost sah in seiner großen jüdischen Geschichte, die durch Graetz ungebührlich verdunkelt wurde, noch die absolute Gegenposition des alten Christentums gegenüber dem Jüdischen; für ihn war die Geschichtsmächtigkeit des altchristlichen Erlösungs- und Messiasglaubens, in welcher „das Judentum der Beschneidung" als der Todfeind angesehen wurde, noch etwas Selbstverständliches, ohne daß Jost selbständige kritische neutestamentliche Studien gemacht hätte. Die späteren jüdischen Forscher, die Jost an historischer Kritik und Methode übertrafen, haben einseitig das Schwergewicht darauf gelegt, die rein jüdische Herkunft Jesu und seines Gedankengutes im Kleinen und Großen nachzuweisen. Das Jesusbild von Graetz ist im wesentlichen der triviale historische Jesus der zeitgenössischen kritischen Leben-Jesu-Forschung. Die Variante bei Dubnow, der voll Humanität und Nachsicht mit dem edlen Schwärmer bedauert, daß die „mystische Ideologie" des Jesus von Nazareth das jüdische Volk vom Boden der geschichtlichen Wirklichkeit habe losreißen wollen, geht an dem Unterscheidenden und Gegensätzlichen in den Urkunden der Botschaft Jesu ebenso vorüber wie die früheren und späteren jüdischen Darsteller. Auch bei den besten, nicht aus abgeleiteter Literatur, sondern aus den Quellen schöpfenden jüdischen Kennern der Epoche und ihrer Geschichtsprobleme überrascht eine merkwürdige Vereinfachung und Monotonie, mit der der Herzensadel, der tiefsittliche Ernst und die Lebensheiligkeit des evangelischen Christus auf seine ungebrochen jüdische Geistesart zurückgeführt und mit seiner Gesetzesfrömmigkeit erklärt wird. Klausners 1922 in hebräischer Sprache veröffentlichtes Werk „Jeschu-ha-Nozri" bleibt trotz der Verwertung der hebräischen Quellen und trotz des jüdisch-nationalen Vorzeichens 204