Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Die Evangelien als jüdische Quelle
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 203 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Evangelien als jüdische Quelle apostolisch und kanonisch anerkannt worden und zu den auch weiterhin als Zeugnis göttlicher Offenbarung beibehaltenen Büchern des „Alten Testaments" hinzugetreten. Der Weg zurück zu jenen als „Botschaft von Jesus Christus" aus dem Neuen Testament herauszuschälenden Einzelstücken von den Kompositionen der kanonischen Evangelien aus ist nicht allzu schwer zu verfolgen: Dieser Weg ist nichts anderes als der Hergang der „Überlieferung". Wie die Weiterspinnung und Deutung des altbiblischen Wortes ist auch der sich daran anschließende Vorgang der „Tradition" des gedeuteten, durch Menschen erschlossenen und gepredigten göttlichen Wortes die geistige Art des Spätjudentums gewesen. „Tradition" und „Schriftbeweis" sind die von den Juden übernommenen Pfeiler und Bauweisen des christlichen Lehr- und Glaubensgebäudes geworden. Erst der Einblick in Wesen und Sachverhalt von „Tradition" und „Schriftbeweis" erschließt Gefüge und Sinn der im „Neuen Testament" vereinigten Literaturdenkmäler. Die Evangelien sind mehrere Menschenalter nach Jesus geschrieben. Überlieferte Geschichten von ihm und Sprüche aus seinem Mund, wie sie mündlich und schriftlich weitergegeben wurden, haben sich eingeprägt und wurden vorgelesen. Sie erhielten eine immer festere Form; Katastrophen und Generationen waren vorübergegangen, bis die Traditionsstücke in der griechischen Sprache schriftlich niedergelegt wurden — nicht in der aramäischen Muttersprache von Jesus selbst, sondern in der damaligen Weltsprache und in der Denkform der christlichen Mission. Die Zusammenfügung zu den siebenundzwanzig kanonischen Schriften aber war das Werk einer noch späteren Zeit. Der älteste Evangelist Markus hat beispielsweise bei der Redaktion der alten tradierten Teile nur wenig geändert, die späteren Evangelisten dagegen haben Verbindungen herzustellen, Deutungen hinzuzufügen, einen fortlaufenden Zusammenhang der Erzählung durchzuführen gestrebt. Soweit der heute kaum noch bestrittene historische Vorgang der Komposition und der Entstehung des Neuen Testaments, im besonderen der Evangelien! So gewagt es nach diesem gesicherten Tatbestand ist, am Grund des Evangeliums ein Stück jüdischer Geschichte aufzudecken — wie man wohl am Fuße, an der Wurzel einer Sage oder eines Mythos Vorgänge und Zustände, die einst wirklich auf der Erde gewesen sind, mit verfeinerten historischen Methoden aufzuspüren vermag —, so trifft der jüdische Historiker doch ins Schwarze, wenn er nach dem Wesen und der Weise der mündlichen Überlieferung im Judentum fragt und auf solche Weise aus der Antwort — über das Verständnis des Hergangs der Tradition, in der auch die christlichen Glaubensbücher entstanden sind — echtes historisches jüdisches 203