Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Die Evangelien als jüdische Quelle
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 202 (sequence 1)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger: Die Evangelien als jüdische Quelle Die Berichte über die Taten und Worte von Jeschu-ha-Nozri, der als „Jesus Christus" in die Menschheitsgeschichte eingegangen ist, wurden erst von einem späteren, von den Augen- und Ohrenzeugen durch eine zeitliche und weltanschauliche Kluft getrennten Geschlecht literarisch zu den Evangelien des Neuen Testaments geformt. Auswahl und Redaktion geschahen für den Gebrauch der frühchristlichen Gemeinde in enger Anlehnung an die Ausdrucksweise und an die Art des Fühlens und Denkens der spätjüdischen Bet- und Glaubensgemeinde. Die neutestamentlichen Urkunden, vor allem die drei ersten Evangelien, sind dementsprechend lebendige Zeugnisse für den Glauben und die Hoffnungen der alten, sich als das wahre Israel fühlenden Christenheit, während sie als Geschichtsquelle für das gelebte Leben Jesu viel weniger ergiebig sind. In der umfassenden und vielverzweigten internationalen Forschung der neutestamentlichen Zeitgeschichte herrscht heute Übereinstimmung über den Quellenwert der Urkunden, welche die Begebenheiten um das Leben und Ende Jesu überliefern. Man kann dieses letzte Forschungsresultat vielleicht am abgewogensten mit dem Satz des anerkanntesten Kirchenhistorikers der neuesten Zeit wiedergeben: „Durch die umgestaltende Tätigkeit der Überlieferung hindurch sehen wir weithin das echte Gestein zuverlässiger Kunde, auf dem der Historiker aufbauen kann — wenn anders er die Quellen des Urchristentums nach der gleichen Methode behandelt wie alle anderen Quellen auf dieser Welt" (Lietzmann, Geschichte der Alten Kirche I, 34 f.). Die in den Evangelien enthaltenen Nachrichten über Jesus von Nazareth bestehen aus in sich abgeschlossenen Überlieferungsstücken von Predigten, Sentenzen, Gleichnissen, Legenden, die von einer späteren Hand, wahrscheinlich um 100 n.Chr., für die Zwecke kirchlicher Gemeinschaftsveranstaltungen, zur Vorlesung im Gottesdienst und zur Derascha — einer Art homiletischer Ausdeutung des Schriftwortes — zusammengestellt worden sind. Hier liegen keine Geschichtserzählungen vor, sondern Glaubensstücke, Bekenntnisse, die nach der Katastrophe Jerusalems aus dem schon fixierten Glauben der kleinen christlichen Sekte heraus bewußt zum heiligen Buch als Pendant zu den heiligen Büchern des Alten Bundes komponiert wurden. Erst seit dem Anfang des dritten Jahrhunderts sind in der Kirche siebenundzwanzig in griechischer Sprache geschriebene Schriften als 202