Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Umgang mit Andern
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 198 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Suse Michael: greift nach einem kleinen, einem winzig kleinen, schön ausgebildeten Kochsalzwürfel und wirft ihn, wie beispielgebend zur Ermunterung, in die Mitte der unfruchtbaren Lösung. Da geschient für menschliche Augen ein Wunder: wie im Nu ist die ungeordnete flüssige Phase des aufgelösten Gemisches zu wohlgeordneten, festgefügten, eigengeprägten Kristallen verwandelt, den vorbildlichen Würfel in sich einschließend. Umgang mit andern — werde zum Kristall, der formgebend in die Welt des Ungeordneten tritt, ihr mutig zu ihrem Sein verhilft und mit eingeht in die neue Gemeinschaft. Nicht immer aber ist es möglich noch auch nützlich oder gut, helfend aufzugehen im Hilfebedürftigen. Wird denn ein Kranker heil, wenn es den Gesunden im Drange des Helfenwollens hinaustreibt über die eigene Mitte und er sich dabei ansteckt? Die Natur aber hat auch ein Beispiel für bewirkende Kraft, die unverändert in sich selber ruht. Unbändig sich lösender Sauerstoff in einer überladenen Wasserverbindung — als Wasserstoffsuperoxyd — bleibt beständig, wenn ein Kochsalzwürfel, der sich nicht auflöst noch irgend sonst verändert, ihm zugegeben wird. Die unerforschte Wirksamkeit mancher Stoffe dieser Art auf andere nennt die Wissenschaft Katalysator. * Umgang mit andern — werde zum Katalysator, den man hingebend und hilfreich dem ungeordneten Tief des andern Menschen einsenken darf! Du brauchst nichts zu tun, als den einzigen Schlüssel, den einzigen Zugang zu allen Wesen zu nützen: sieh ihn dir an, den anderen, um seinetwillen, um seines Seins, seiner Gaben, seiner Not, seiner Freude willen, und sei ihm wie einer jener nicht sich verbindenden, nicht sich auflösenden, nicht sich verwandelnden, nicht sich verändernden Stoffe der Natur, in deren Gegenwart andere zu ihrer Ordnung finden. Wie aber kann man zum Katalysator werden? Gottes Welt ist weit, und viele Menschen, in vielen Sprachen, mit mancherlei Hautfarbe bevölkern das großartige Rund. Gehen wir zu den Chinesen und lassen uns belehren. Dies ist die Geschichte vom Regenmacher. In einem Land, das von den Einflüssen und Segnungen der Witterung besonders abhängig war, blieb eines heißen Sommers der befruchtende Regen der Jahreszeit aus. Keine Ausschau half, keine Beschwörung, kein Gebet, weder die Opfer der Priester noch das Geschrei des bedrohten Volkes. Aus solcher Not versammelte der König dieses Landes die Weisen und seine Ratgeber um sich, mit ihnen auf Abhilfe zu sinnen. Die Priester, solchermaßen in ihrem Einfluß und ihrer Macht bedroht, erbaten Wartezeit und Beschwörung; aber kein Wölkchen zeigte sich am HimmeL nicht ein Tropfen Tau labte den lechzenden Boden des ausgetrockneten Landes. 198