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Der Morgen · 1938-08-01 · Heft 5 (August 1938) · p. 199

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 5 (August 1938)
Article
Umgang mit Andern
Date
1938-08-01
Page
199 (sequence 6)
Language
German
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Umgang mit Andern Da ging der König in sich und rang es sich ab, dem Herrscher des benachbarten Reichs seine Not zu gestehen und ihn um einen ungewöhnlichen Dienst zu bitten: den Regenmacher jenes Gebietes in sein aufs höchste bedrohtes Land zu senden. Es ist nämlich bekannt in jenen Landen, daß Menschen, die durch ihr Gebet die Kräfte der Natur bewegen, ausbleibenden Regen herbeirufen können. Mit dem Boten bereits traf der Regenkundige ein. Er erbat weder Essen noch Trinken, hur in Ruhe einen kleinen Raum für drei Tage. Nach dieser Zeit ließ er sich vor den König führen und wünschte in dessen Begleitung das Land zu sehen. Darauf zog er sich abermals zurück und blieb volle vierundzwanzig Stunden allein, in denen nicht einmal der Hauch einer Wolke sich dem verzweifelt harrenden Volke zeigte. Der König sandte dringlich zum Regenmacher, ihn nach dem Ausbleiben des Regens zu fragen. Doch jener wünschte, auf den höchsten Berg des Landes geführt zu werden. Dort hielt er Umschau, stumm, wie taub für die Worte des Königs, wie unfühlend für die Not des hungerbedrohten Volkes. Er kehrte zurück in sein schmales Geviert; und noch in der Nacht begann unversehens und sacht ein lang anhaltender, warmer Regen den ausgedörrten Boden zu befruchten. In den Dank eines Königs, in das Jauchzen des geretteten Volkes mischte sich die Frage nach dem Vermögen solchen Wunders, und der König sprach sie aus: „Wie hast du den Regen gemacht, o Fremdling?" Und der Mittler antwortete: „Herr, als ich herkam in dieses Land, mußte ich mich von der Hast und der Unruhe des Weges erholen und hinfinden zu meiner eigenen Ruhe. Als du mich zum erstenmal über die ausgetrockneten Straßen und Felder zu den verzweifelten Bewohnern deines Landes führtest, mußte ich mich wiederum zurückziehen, um ihre Ungeduld, ihren Unfrieden, ihre Ungewißheit in der Ruhe meines Innern zu befriedigen; und erst beim dritten Male, als ich auf der Höhe des Berges stand, konnte ich den gestörten Elementen aus meiner Ruhe die Kraft zustrahlen, die sie brauchen, um sich vereint zu einem Segen als Regen für die Menschen zu lösen. Möge dem Boden deines Landes.die Frucht entsprießen, die dein Volk zu seinem Leben braucht." Umgang mit Menschen? Müh dich um den Frieden deines Herzens, sammle deine Kraft und sei ein Regenmacher in deinem Bereich. Und laß eingehen in die Bereitschaft deiner Seele, in die Fühlsamkeit deines Leibes jene tiefe Lehre, die Dostojewski in einem Wechselwort wiedergibt: Ein Nüchterner fragt: „Was fehlt dir, du Weinender?", und ein Trunkener antwortet: „Wenn du mich liebtest, du wüßtest, was mir fehlt." 199

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