Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 193 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895585-2908430--10787-2908477- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Solomon Maimon. Novelle (Schluß) hörten nicht, daß Kant Nein gesagt hatte, mit gewaltiger Stimme Nein — sie gingen weiter! Immer neue Menschen brachen auf, ließen ihr Dorf, ihr Gesetz, ihre Familie und wußten nicht, daß' der Richtspruch schon gefällt war. Sie gingen dem Westen entgegen, und da war die Sonne schon im Untergang. Kurz war der Tag. Wenn Maimon riefe, niemand würde ihn verstehen — mit der naturhaften Kraft neuer Wertungen marschierte ein Volk auf eine Illusion zu. „Ach, das sind schöne Träume und Hoffnungen", murmelte Maimon mit trockenen Lippen. „Die gewiß in Erfüllung gehen werden", fiel der Pastor schnell ein, denn er bezog es auf seine letzten Worte, daß nicht alles Materie sei. Der alte Ehrgeiz seines Berufes wurde wach, einen Ungläubigen in der Todesstunde zur Erkenntnis des Wahren zu bringen, und da er mit dem Logischen bei Maimon nicht weiterkam, versuchte er es mit dem Gemüt: „Und wie? Sollten Sie jetzt nicht wünschen, in die Gesellschaft des von Ihnen so sehr verehrten Mendelssohn zu kommen?" Aus den Abgründen des Fiebers tauchte Maimon noch einmal zum Bewußtsein empor. Er empfand sein Leben wie einen furchtbaren Schmerz, blutend aus einer Wunde. Er hatte gesoffen und gebettelt und gehurt und disputiert, und wo er eine These gefunden, die Antithese hinzugesetzt; es hatte ihn in keiner Wohnung gehalten und in keiner Stadt, und wo er nicht ging, hatte man ihn gehen heißen; die Menschen, die ihn liebten, hatte er beleidigt, und die ihn beleidigten, gehaßt; wie eine Brandfackel war er umhergeschleudert worden, und wo er traf, zündete er, in einer gefährlichen, tödlichen Freiheit. Nach einer Weile sagte er: „Ach, ich bin ein toller Mensch gewesen, unter den Tollen der Tollste — und wie sehr wünschte ich das anders." „Diese Äußerung ist mir ein Beweis", meinte mit sanfter Eindringlichkeit der Pastor, „daß Sie mit Ihrem Unglauben noch nicht ganz in der Richtigkeit sind. Nein" — und nahm seine Hand — „Sie werden nicht sterben, Ihr Geist wird fortdauern." „Glauben und hoffen kann ich viel", flüsterte Maimon, und ein gebrochenes Lächeln zog über sein Gesicht, „aber was hilft uns das?" „Es hilft uns zur Ruhe", sagte der Pastor bestimmt. Doch da schien es Maimon, als sitze er in der Synagoge des heimatlichen Dorfes, und neben ihm der Vater. Es war ein hoher Feiertag, denn die Männer hatten ihre Totengewänder umgelegt, und vor der Heiligen Lade hing der weiße Vorhang. Abgefallen war der stolze Name Maimon, den er sich selbst angemaßt, und er war wieder Salomon ben Josua. Niemals hat er die Synagoge besucht, eine Schande für das Dorf, so sehr auch der Vater ihn. darum bat. Nun war er in das Gotteshaus geflüchtet vor einem Mann jenseits der Grenzen. Er hörte noch den dumpfen Fall 193