Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 192 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895585-2908430--10786-2908476- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herbert Friedenthal: sollte prüfen, ob seine Philosophie auch diesem kritischen Augenblick standhielt. „Ich finde Sie so schlecht, daß ich an Ihrem Aufkommen zweifle", sagte der Pastor. „Was isfs weiter", antwortete Maimon, „wenn ich tot bin, bin ich weg." Merkwürdig, dachte der Pastor, was hat jenen Mann aus seiner litauischen oder polnischen Heimat oder woher er sonst kommt, getrieben? Wie ein fremdes, großes, wildes Tier ist er über die Hürden unserer Philosophie gesprungen, nichts entging seinem überwachen Auge. Er ließ Heimat und Nation und wurde ein Vagabund. Es muß ein großer Sturm gewesen sein, der diesen Mann entwurzelte. Im Grunde blieb er mit seiner rabbinischen Logik immer ein Abseitiger, ein Seeungeheuer in den Flüssen unseres Binnenlandes. „Wenn ich tot bin, bin ich weg" — so hoffnungslos konnte man ihn nicht liegen lassen. Er widersprach. „Das können Sie sagen, lieber Freund, wie? Ihr Geist, der sich bei den ungünstigsten Umständen emporschwang, der so schöne Blüten und Früchte trug, dieser Geist sollte mit. der elenden Hülle, mit der Sie sich jetzt bekleidet sehen, in den Staub getreten werden? Sie sollten es in diesem Augenblick nicht fühlen, daß etwas in Ihnen ist, was nicht Körper, nicht Materie — nicht den Bedingungen des Raumes und der Zeit unterworfen ist?" Aber die Worte des Pastors erreichten den Kranken nicht. Der Schnee fiel, von Litauen bis Königsberg, von Stettin bis Frankfurt, auf unendliche Landstraßen, die an jeder Krümmung neu begannen. Diese Landstraßen waren plötzlich voll von Menschen, manchen noch mit wallenden Barten und wallenden Kleidern, andern, die den Bart geschoren trugen wie er. Ein langer Zug bewegte sich von Osten nach Westen, über Königsberg oder Stettin oder Frankfurt, dazwischen blies das Posthorn und klapperte das Getrappel von Pferdehufen — die Postkutschen fuhren vorüber, und auch in den Postkutschen sah man die gleichen Barte und die gleichen Kleider. Es stand keine Wache mehr am Rosenthaler Tor, niemanden gab es, der nach ketzerischen Büchern suchte; Landstraßen nach Breslau, nach Hamburg, nach Holland, die er mit schmerzenden Füßen gegangen, waren voll von ihnen, einem unerschöpflichen Zug. Es schien, als ob ein Land sich leerte, neue Länder sich überfluteten. Sie trugen keine Tallessim mehr und nicht mehr die alte Tracht, sie hatten an ihm, Maimon, gelernt, der diese Straßen schon geschritten war; sie sahen nur Maimons bartloses Gesicht und nicht die Leier, die er heimlich erstanden; sie wußten nur, Europa hatte ihn aufgenommen, und dieser Augenblick öffnete Schleusen und brach Deiche. Maimon hätte rufen mögen, die hinter ihm zu warnen, aber er brachte keinen Laut über die Lippen. Er hätte schreien mögen: Kant hat Nein gesagt — sie 192