Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 191 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Salomon Maimon. Novelle (Schluß) hold geschrieben, wohl hundertmal gelesen, und jeder Schriftzug war wie mit Messern in sein Gedächtnis geschnitten. „Was aber z. B. ein Maimon mit seiner Nachbesserung der kritischen Philosophie (dergleichen die Juden gern versuchen, um sich auf fremde Kosten ein Ansehen von Wichtigkeit zu geben) eigentlich wolle, nie habe recht fassen können und dessen Zurechtweisung ich anderen überlassen muß..Maimon faltete die acht kleinen Teile, als ob sie noch zusammenhingen, und machte aus ihnen sechzehn, und aus den sechzehn zweiunddreißig, und aus den zweiunddreißig wurden unzählbare, und als er sie auf den Boden streute, war es, wie wenn dichter Schnee fiele. Es schneite immer stärker, schon deckte der Schnee den Boden und stieg bis an die Knie; grabeskalt waren seine Beine, weil sie bis zu den Knien im Schnee standen... Durch den Schnee stapften Schritte. Die Tür war aufgegangen und wieder zugefallen, und ein Mensch kam auf ihn zu. Es war der katholisdie Pastor aus der Nachbarschaft, der ihn manchmal aufsuchte, um mit ihm zu disputieren. Quer über den Schnee wehte die Stimme des Pastors zu ihm herüber. „Ich finde Sie heute sehr schlecht, lieber Maimon!" Es saß sich so kalt im Schnee. Die Kälte kroch ihm den Wirbel hinauf, und er konnte nicht verhindern, daß seine Zähne gegeneinanderschlugen. Sechsundvierzig Jahre war er auf Landstraßen gewandert, immer im Schnee, immer im Schnee; dreißig Meilen als Knabe zu Fuß gegangen, um ein philosophisches Buch aus dem zehnten Jahrhundert zu sehen; heimlich sich jeden Tag von zu Hause fortgestohlen, um Werke der Kabbala zu studieren; ohne Reisegeld mitten im polnischen Winter aufgebrochen, um zu einem Rabbiner zu wandern, der deutsche Bücher besaß; auf einem Fuhrwerk kam er in grimmiger Kälte über die Grenze nach Königsberg; ohne Zehrung auf einem Schiff nach Stettin; lange Wochen Fußmarsch nach Frankfurt; bettelnd schlug er sich von Frankfurt nach Berlin durch, bettelnd zog er, aus Berlin ausgewiesen, weiter; immer Landstraßen, auf allen Landstraßen der Erkenntnis entgegen, immer den Männern entgegen, die Erkenntnis trugen — aber an jedem Wegende eine neue Krümmung und die Unendlichkeit neuer Straßen, wie unter einem Alp, und wieder schien er zum Anfang zurückgekehrt... Vor ihm stand der Pastor, jetzt sah er ihn deutlich vor sich stehen, hörte seine Bemerkung und flüsterte: „Es wird wohl besser werden!" Der Pastor sah, daß Maimon sehr krank war. Es hatte keinen Sinn, einen Arzt zu rufen. Ein Arzt hätte ihn hur in schlimme Wut gebracht. Oft sprach er mit Maimon über Gott und die Philosophie. „Demonstriert einen Gott aus der Moral oder eine Moral aus Gott — aber laßt beide unabhängig voneinander sein", hatte Maimon einmal gesagt. Man 191