Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 190 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895585-2908430--10784-2908474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herbert Friedenthal: stummen. Das Lachen verstummte. Wissenschaftliche Zeitschriften forderten ihn zur Mitarbeit auf... Von den Honoraren gab er seiner Frau zwanzig Dukaten und hieß sie allein nach Hause ziehen. In eine Scheidung wolle er nicht anders als unter dem Richterspruch willigen. Sie wurden vor Gericht geladen, und der Oberrabbiner, der das Richteramt ausübte, sagte: „Wir können unter diesen Umständen nichts anderes tun, als zur Ehescheidung zu raten." — „Herr Richter", erwiderte Maimon, „wir kamen nicht her, um Rat zu erfragen, sondern einen richterlichen Spruch zu erhalten." Der Rabbiner stand von seinem Richtersitz auf und wies freundlich auf die Stelle im Kodex, die da heißt, ein Vagabund, der seine Frau auf viele Jahre verlasse, ihr nicht schreibe und kein Geld schicke, solle, so er aufgefunden werde, zur Ehescheidung gerichtlich gezwungen werden. „Es kommt mir nicht zu", antwortete Maimon, „einen Vergleich zwischen diesem Fall und dem meinen anzustellen, dies kommt Ihnen als Richter zu. Setzen Sie sich also wieder an Ihren Platz und sprechen Sie Ihren Richterspruch!" Der Rabbiner wurde rot und nannte Maimon einen Ketzer. Maimon ging fort, und sie mußten zur Ehescheidung ein Richterkollegium mit einem anderen Vorsitzenden suchen. Mendelssohn war tot. Der „Versuch einer Transzendentalphilosophie" wurde gedruckt und verlegt und ein Exemplar Kant davon zugesandt. Aber Kant äußerte sich nicht mehr. Maimon schickte ihm eine neue Arbeit über die Logik. Aber Kant schwieg. Man tat des polnischen Juden in Weimar Erwähnung, aber Maimon ging auf die Erkundigungen nicht ein, bemühte sich nur um Kant: „Und soll ich auch zuweilen auf Abwege geraten, so sind doch wenigstens meine Fehler einer Zurechtweisung wert; so bitte ich Sie ergebenst, ja, ich beschwöre Sie bei der Heiligkeit Ihrer Moral, mir diese Beantwortung nicht zu verweigern..." Aber Kant schwieg. * Maimon saß in seinem Zimmer auf Groß-Siegersdorf. Als er aus dem dämmerigen Fieberschlaf erwachte, war das erste, worauf sein Blick fiel, die Bilder Kants und Reinholds an der Zimmerwand. Er wollte aus seinem Sessel auf, aber ein Schwächezustand, der vom Kopf den Rücken entlang bis in die Beine lief, behinderte ihn. In einer Kiste, worin er seine Manuskripte aufbewahrte, lag auch die Abschrift eines Briefes. In Gedanken stand er auf, ging zu dieser Kiste, und obwohl er niemals in seinen Papieren fand, was er suchte, griff er doch sogleich jene Schrift, faltete sie fein säuberlich und zerriß sie in acht kleine Teile. Er hatte jene Zeilen, die Kant als letzte Antwort an Rein- 190