Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 189 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Salomon Maimon. Novelle (Schluß) die Rückkehr in die polnische Heimat auszumalen. Aber sie wußte nichts Besseres, als die beiden Zustände drüben und hüben miteinander zu vergleichen. Was tue Salomon denn hier anders als lernen, und würde er anderes in Polen tun? Hatte das neue jüdische Bürgertum hier nicht eine Atmosphäre der Schöngeistigkeit geschaffen, in der es an der Ordnung war, keinen Erwerb zu haben? An Stelle des Cheder war der Salon getreten — es wurde nicht mehr über Traktate der Mischna gestritten, sondern über Locke und Hume, Corneille und Racine. Die Frau wußte nichts von Locke und Hume, sie sagte von alledem nichts, aber ihrem Instinkt schien das Leben ihres Mannes nicht geändert, für sie war es klar: er arbeitete hier nichts und drüben nichts. Und wenn er schon nichts tat, so sollte er wenigstens in der Heimat nichts tun, in Erfüllung der vom Gesetz auferlegten ehelichen Pflichten. Maimon überdachte ihre ungelenken, in der Tiefe zärtlichen Worte. Welchen Beruf hatte er nicht schon versucht! Medizin und Apotheke und Malerei, bis seine Freunde die Nutzlosigkeit dieser Bemühungen einsahen, weil er auf keinen festen Lebensplan bedacht war. So hart aber die Frau auch von Natur sein mochte, so hart das Leben sie angepa>ckt haben mochte, — im Augenblick der Gefahr wurden die Instinkte des Verführens in ihr wach. In einem Winkel der Kammer rostete eine Leier. Maimon hatte sie einmal gekauft, um die alten ,dummen' Lieder seines Dorfes zu spielen. .. Er schämte sich dessen. Die Frau nahm das Ding, das nur noch grunzende Töne von sich gab, zur Hand; sie konnte nicht kunstvoll spielen noch singen und summte eine alte jüdische Melodie. Sie summte, und Maimon erkannte: so waren die Melodien, derentwegen er einmal die Leier erstanden, Lieder aus einer Welt, in der man nicht stolpern konnte, in der man wußte, was gut war und was schlecht, einer Welt der Kleinheit zwar und der Gebeugtheit, aber des sicheren Behütetseins vor Zweifel und Anfechtung, der starken Wurzel im Gesetz. Er hatte diese Wurzel abgesägt und war wie ein Rohr im Wind geworden. Und seine Frau, die verblüht und abgehärmt vor ihm saß, war einmal eine Schönheit im Dorfe gewesen... Trumtrumtralalei — verdammte Melodie! In den nächsten Tagen, da er nochzu keinem Entschluß gelangt war und die Frau mit Scheidung drohte, wenn er nicht sofort mit ihr abreise, äußerte Kant sich in einem Brief an einen Freund über Maimons Transzendentalphilosophie: „Ich war schon halb entschlossen, das Manuskript sofort zurückzuschicken. Allein ein Blick, den ich darauf warf, gab mir bald die Vorzüglichkeit desselben zu erkennen..." Der Brief wurde Maimon sofort überbracht. Er traf ihn nicht sonderlich. Er hatte gewußt, das Lachen über den polnischen Juden würde ver- 189