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Der Morgen · 1938-08-01 · Heft 5 (August 1938) · p. 188

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 5 (August 1938)
Article
Salomon Maimon
Date
1938-08-01
Page
188 (sequence 1)
Language
German
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Herbert Friedenthal: Salomon Maimon. Novelle (Schluß) Als Maimon an seine Mansarde kam, war die Tür offen. Er trat ein. Auf dem Kanapee, das ihm als Schlafstatt diente, saß eine Frau. Sicher hatte er ein Glas über den Durst getrunken: die Gestalt auf dem Kanapee sah doch aus wie seine eigene Frau...? Mit elf Jahren hatte sein Vater ihn an ihre Mutter verkauft, mit vierzehn Jahren gebar sie einen Sohn. Seine Frau, ach, das lag so weit: Züchtigungen der Schwiegermutter, Frondienst als Hauslehrer, der Geruch der Gasthäuser, die Enge der Talmudstube, der Geifer zorniger Rabbinen, das Mißverhältnis zwischen Erwerb und Erkenntnis — die ganze Kleinheit und das ganze Elend des Getto sprach aus der Frau, die dort saß. Es war klar, er hatte ein Glas zuviel getrunkeii, er litt an Halluzinationen. Gewiß war das Kanapee leer, und die Erscheinung würde zerrinnen, wenn er die Augen mit kaltem Wasser gewaschen! Aber die Erscheinung kam geradewegs auf ihn zu, entpuppte sich als durchaus von Fleisch und Blut, ja sogar von groben Händen und tüchtigem Zugriff. Denn zwei Fäuste, die es gewohnt schienen zuzupacken, faßten ihn an der Schulter und rüttelten ihn. Maimon brach in polterndes Gelächter aus. Der Osten hatte sie geschickt, ihn wieder einzufangen, ihn, der eben seine Transzendentalphilosophie Herrn Kant vorgelegt hatte! Aber sein Gelächter stimmte die Frau nicht versöhnlich, und sie bestand darauf, daß er augenblicklich seine Sachen packen und mit ihr nach Polen zurückfahren solle. Dumme Frau! Wußte sie nicht, daß Mendelssohn ihm geraten hatte, Berlin zu verlassen, weil er gefährliche Meinungen kundtat, wußte sie nicht, daß er in Holland als Ketzer mit Steinen beworfen wurde, wußte sie nicht, daß er aus Posen verwiesen wurde, weil er das Hirschhorn am Gemeindehaus berührte, von dem die Sage ging, daß niemand es berühren dürfe, ohne auf der Steile zu sterben, und daß er trotzdem noch am Leben war? Dumme Frau, die glaubte, so ein Mann würde seine Erkenntnis ablegen und sich dem Zeremonialgesetz und der rabbinischen Wut freiwillig wieder ausliefern! Er versuchte sie zu beruhigen, versprach, mit seinen Freunden die Lage zu beraten und sie um ein paar hundert Taler zu ersuchen, damit er in Polen unabhängig von seinen Verwandten leben könne. Die Frau, unerfahren darin, feine seelische Schwingungen in ihrem Mann zu verstehen, aber nicht fühllos, begann ihrerseits 188

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