Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Das Reich Gottes in der Wüste
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 186 (sequence 5)
- Language
- German
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M. Y. Ben Gavriel bis zur Verlegung des staatlichen Schwergewichtes von den zwar finanzkräftigeren, aber weniger begeisterungsfähigen Städtern auf die Beduinen zieht sich eine Kette von gesellschaftsumschichtenden und staatsbildenden Neuerungen, die trotz ihres revolutionären Charakters der Tradition und dem Denken der Wüste entsprechen. Daß Ibn Saud europäische Einrichtungen weitgehend benutzt, o*hne sich ihnen, ohne sich dem Geist Europas zu unterwerfen, das unterscheidet ihn von den Herren Persiens und der Türkei, Die Entwicklung von einer türkischen Räuberprovinz zu dem heutigen Königreich Saudije verlief naturgemäß nicht ohne schwere Störungen, selbst abgesehen von Kriegen und wirtschaftlichen Krisen. Von innen, aus den Reihen der treuesten Ichwän brachen wiederholt Bewegungen hervor, die die Herrschaft des Königs in Frage stellten. Manche Neuerungen, die Ibn Saud einführte, insbesondere um das Heer schlagfertig zu machen, wurden zum Anlaß einer Opposition, die der Ansicht war, daß Radiostationen, Telephon und Autos der wahabischen Lehre widersprächen. Die daraus entstehende Propaganda mußte in gewissen Bezirken auf fruchtbaren Boden fallen, weil der König die elementaren, jahrtausendelang in der Richtung von Krieg und Raub gelenkten Kräfte der Stämme ohne Übergang, fast von einem Tag zum andern, gebunden hatte, ohne ein Ventil für die freiwerdenden Kräfte zu schaffen. So wurden etwa die Raubzüge von Stamm zu Stamm verboten und mit Waffengewalt unterdrückt. Diese Kräfte entluden sich, unter der Führung des Freundes und Wegbereiters des Königs, Feissal ed Dawisch, in einer Koalition und einem Angriff gegen die Feinde des Königs im Irak und in Transjordanien. Als aber Ibn Saud, der die Stärke der dort stehenden Engländer genau einzuschätzen wußte, gegen seine Volksgenossen vorging, richteten die Gewehre sich gegen ihn: die Beduinen verstanden die komplizierte Politik nicht, deren der König sich bedienen mußte, um sein Reich gegen Bombenflieger zu erhalten. Daß Ibn Saud, der Imäm der Wahabi, vom Hafen Djidda nach seinem Palast in Mekka — zu jenem Palast, an dem ein Briefkasten hängt, durch den jeder Mensch Bitten und Beschwerden direkt an den König gelangen lassen kann — eine Telephonleitung legen ließ, das brachte die Mißstimmung der Ichwän zur Revolution, zur sogenannten Telephonrevolution. Zu den technischen Neuerungen kam, die Gemüter erregend, der Erlaß des Königs, daß nichtwahabische Mohammedaner und selbst nichtmohammedanische Fremde in Zukunft nicht mehr als Ungläubige, im dauernden Heiligen Krieg, zu bekämpfen, sondern daß die kriegerische Propaganda durch die friedliche Mission des Wortes und der guten Tat zu ersetzen sei. 186