Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Das Reich Gottes in der Wüste
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 185 (sequence 4)
- Language
- German
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Das Reich Gottes in der Wüste ist von den fanatischen Orthodoxen des Wahabismus wiederholt ergangen. Nicht der fast ununterbrochene Krieg gegen äußere Feinde machte den Weg des Königs so schwer, sondern die fast ununterbrochen notwendigen Anstrengungen, jede Neuerung vor den „Alten von Rijadh" zu verteidigen. Jeder Schritt, von der Einführung des Telephons bis zum politisch gebotenen Bündnis mit den „Ungläubigen", den Engländern, mußte gegen die Gefahr, um der eigenen Religion willen die Gefolgschaft zu ververlieren, verteidigt werden. Ibn Sauds Zähigkeit, seine Fähigkeit, in den Denkbahnen der Beduinen zu denken, die Klugheit, zwischen sich und dem Volk niemals eine Zwischenwand aufzurichten, seine umfassende Kenntnis des Koran und nicht zuletzt die ihm eigene Kunst der Überredung ließen ihn auch in gefährlichen Situationen, selbst gegen Versammlungen von tausend Notablen, die zusammenkamen, um ihn abzusetzen, den Sieg davontragen. Aber obwohl Ibn Saud eine Umwälzung auf der arabischen Halbinsel hervorrief, deren Ergebnisse für den Gesamtorient noch gar nicht abzusehen sind, hat er das religiöse Gesetz zum obersten Rechtssatz der Gemeinschaft und des Staates gemacht — und hat dennoch der Neuzeit, soweit sie für das beduinische Arabien diskutabel ist, nicht den Krieg erklärt. Ibn Saud hat es verstanden, einer abergläubischen, religionslosen, in tausend einander bekämpfende Stämme und Clans zerspaltenen Beduinenmasse das Bewußtsein einer religiösen Sendung und einer nationalen Einheit zu geben, er hat dies fast über Nacht zu einem Volk gewordene Sammelsurium von nomadischen Krieger- und Räuberhaufen aus einem Objekt dunkler und willkürlicher Geschichtszufälle zu einem Subjekt politischen Geschehens gemacht. Indem er den erstarrten Islam zur Stellungnahme zwang, wandelte er ihn allmählich zu einem konstruktiven, seiner Aufgabe in einer realen Welt bewußten Gottesbewußtsein. Indem er aus den Fehlern des ersten Wahabi-Reiches im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts lernte, fand er die Lösung des größten sozialen Problems Arabiens, der Beduinen-, d. h. Nomadenfrage, mit der sein Reich steht und fällt. Die fortschreitende Überführung der Nomaden in den Zustand der Seßhaftigkeit in den Hidjra-Siedlungen bedeutet eine fortschreitende Wandlung in der sozialen Struktur und mithin den Anfang des Überganges Arabiens vom Altertum in die Neuzeit der Welt. Daß dieser Übergang nicht bloß auf die nächste Zukunft allein hinzielt oder nur zur Stärkung einer Hausmacht dient, sondern wie hier der Wille eines Führers mit und durch Tradition und Gesetz wirksam wird, das ist die größte Leistung Ibn Sauds. Alles, was heute in der Saudije geschieht, ist neu: von der Aufstellung eines Heeres freiwilliger Ichwän — im Gegensatz zu den in Arabien gewohnten Söldner- und Sklavenheeren — 185