Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Hoffnung und Verwirklichung
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hoffnung und Verwirklichung dazu, klar zu wissen, was einem fehlt und was man also braucht, und nicht minder klar zu wissen, was an Kräften man selbst mitbringt, aus sich zu entwickeln vermöchte und also zu geben hat. Dann kann man von wohlwollend breiten Menschen, seien es nun Einzelne oderVertreter von Gemeinschaften, nicht wie ein Bettler Almosen, sondern als ein Gleichstehender, als Mensch von einem Menschen Beistand erbitten. Dann vermag man dem, der helfen will und soll, frei und offen gegenüberzutreten und in seiner Sprache, — in der Sprache des Herzens, in der Sprache des Kopfes, in der Sprache der Lippen oder in der Sprache des Symbols —, mit den Worten, die seinem Ohr eingehen, zu ihm zu sprechen. Nicht allen Menschen ist jenes altjüdische Wissen um die herrliche Wechselbeziehung zwischen Schenken und Empfangen, zwischen irdischer Wohltat und Anteil Gottes selbstverständlich: es bedarf der Hingabe, eigenes Geschick als sinnvoll zu erfassen, als Schickung anzuerkennen, des großen Mutes, sich einzugestehen, daß man nicht allein mit seinen Sorgen fertig wird, der Freiheit, sich dadurch über sie zu erheben und von sich absehen zu können auf ein Gegenüber, um die rechten Worte zu finden, die den Willen zur Hilfe in die Tat des Helfens verwandeln. Wohltätigkeit beginnt, einem englischen Sprichwort nach, zu Hause. Mit der Auswanderung ist es ebenso. Es gibt glückliche Naturen, die unter einem Schlag des Schicksals aktiver, kräftiger, wendiger werden und ihn aus eigner Kraft überwinden; andere, die wissen was sie wollen und mit durchdachten Vorschlägen Rat und Unterstützung ihrer Pläne erreichen; viele, die sich nach Mustern richten und im allgemeinen Strom mitschwimmend zu ihrem Ziele kommen; doch manche auch, die nur erschüttert und bedrückt vor Schreck erstarren. Wenn es dann scheint, als ob alle möglichen Schritte getan, alle Hoffnungen erschöpft, alle Aussichten zunichte seien, dann bleibt noch ein einziger Weg: die tiefste Einkehr in sich selbst, eine Revision des eigenen Lebens bis zurück auf den Grund. Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann noch immer sich selbst zurückgewinnen, und damit alles, ja viel mehr, als er je verlor. In jedem Menschen lebt etwas, das nur er und keiner außer ihm neu in die Welt stellen und sagen kann, das Teil an ihm, in dem er, nach einem chassidischen Wort, ein 'heimlicher Königssohn ist, das Einmalige, Einzigartige, das ihm allein Eigene und Mitgegebene, das Individuelle, der göttliche Anteil in ihm. Aus scheinbarer Bescheidenheit und unechter Demut meint man Gott nicht zumuten zu sollen, daß er sich mit der menschlichen Unzulänglichkeit und Unreinheit noch befasse. Die bloße Anerkennung des Göttlichen in sich genügt also nicht, ja sie kann zu der Gefahr werden, diese Kraft nun erst recht dem täglichen Leben zu entziehen und damit Gott so hoch zu stellen, daß er 179