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Der Morgen · 1938-08-01 · Heft 5 (August 1938) · p. 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 5 (August 1938)
Article
Hoffnung und Verwirklichung
Date
1938-08-01
Page
180 (sequence 4)
Language
German
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Hoffnung und Verwirklichung auf der Erde keinen Platz mehr findet. Vielmehr gilt es, diesem Einmaligen das Tagesleben aufzutun und es eingehen zu lassen in jeden Griff der Hand, in jeden Atemzug des Mundes, damit alle Gaben und jedes Tun sich ordnen, untereinander in Zusammenhang kommen, ins Gleichgewicht, in Einklang. Diese Einung in der eigenen Mitte ist gleichzeitig eine höchste Forderung und die natürlichste und praktischste Verwirklichung. Denn wer so aus dem Kern seines Wesens gelebt hat und lebt, der findet seinen Einsatz, seinen Arbeitsplatz überall in der weiten Welt und nirgendwo besetzt, weil kein anderer tut, was sein Teil, seine Aufgabe, was seines Zeichens ist. Eine Arbeitslosenfrage muß und wird es solange geben, wie Hände und Köpfe unbesehen jeder für jeden auszutauschen, im Durchschnittssatz zu verwenden, zu entlohnen und zu entlassen sind. Auswanderung aber ist eine harte Probe für die Trägheit des Herzens. Sie kann zum Wendepunkt, zum Anfang neuen Lebens werden oder in den Abgrund führen, in die Wesenlosigkeit. Denn man entflieht den Dingen, mit denen man hierzulande nicht fertig zu werden vermochte, auch andernorts nicht: wer in einem neuen Land nichts als die Wiederholung alles Seitherigen erwartet, nimmt von vornherein den Keim aller Enttäuschungen und Mißerfolge mit. Wer aber jetzt, wenn sein ganzes bisheriges Leben in Frage gestellt ist, den Mut faßt, zu seinem Ursprung zurückzukehren und von der Wurzel her eine Neugestaltung zu versuchen, dem öffnet sich ein Weg. Ein Akademiker zum Beispiel hätte, als er aus der Schule kam, am liebsten Schafe gezüchtet oder Uhren gebaut, traute aber dem eigenen Gefühl nicht genug zu, sein innerstes Wollen zu verwirklichen, folgte der konventionellen Strömung und wurde ein durchschnittlicher Rechtsanwalt. Wenn er jetzt, über alle inneren und äußeren Hindernisse hinweg, der eigenen Stimme folgt, so wird sein Leben die Erfüllung dessen bringen, was in ihm ist, und damit Zufriedenheit und Erfolg nach dem Maß seiner Kräfte. So und nur so wird er in jedem Land willkommen sein, weil er weiß, was er soll, was er braucht, wer er ist und was er der Welt zu bringen hat. Und auf diesem Wege wird er Hilfe finden, wo es auch sei, die Kraft, sich helfen zu lassen und die Zuversicht, über den Anforderungen des täglichen Brotes seine Seele nicht zu verlieren. Am Anfang jeder Erfüllung steht die Hoffnung; der Weg dazwischen ist Menschenwerk. Verwirklichung Gottes heißt Wirklichkeit in der Welt. Wir Juden haben, das ist die letzte und eigentliche Erfahrung aus hundert wie zuvor tausend Jahren Weltgeschichte, nur eben so viel Anteil am realen Leben in der Welt, wie wir an unserer unveränderlichen Sendung und Verheißung, wie wir am ewigen Leben haben. H.B. 180

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